Ungeplant ins Engadiner Licht

Oktober 2022 & 2024

Die Entscheidung für das Engadin fällt kurzfristig – und doch nicht ganz ohne Plan. Einige Orte haben wir schon im Kopf, die wir fotografieren wollen. Was fehlt, ist das Detail: der genaue Standpunkt, das richtige Ufer, die Linie im Vordergrund – und oft auch das Wissen, wann ein Ort sein bestes Licht entfaltet.

Wir sind täglich frühmorgens und am späten Abend unterwegs – genau dann, wenn das Licht weich wird und die Landschaft an Tiefe gewinnt. Vieles erschliesst sich uns dabei erst vor Ort: welche Orte im ersten Licht funktionieren und welche erst später, je nach Lage, Ausrichtung und Schattenwurf. Oft führt der Weg zuerst noch ein Stück durch die Landschaft, manchmal länger als gedacht. Am Ziel angekommen, sind Kamera und Stativ schnell aufgebaut – und dann heisst es warten und beobachten. Vor Sonnenaufgang, wenn alles noch ruhig ist, und später, wenn sich die farbenbunten Lärchen und die Bergwelt in den Seen spiegeln.

Am frühen Morgen liegen die Temperaturen oft um den Gefrierpunkt, manchmal auch darunter. Eingepackt in mehrere Schichten und mit Tee aus der Thermosflasche ausgerüstet, stehen wir lange draussen. Nach einer Weile spüren wir unsere Füsse kaum noch – und bleiben trotzdem. Es hat etwas wunderbar Entschleunigendes – dieses Innehalten, Beobachten und das langsame Ankommen im eigenen Rhythmus.

Auf dem Lärchenweg beim Silsersee finden wir erste Kompositionen. Der Stazersee liegt ruhig im Wald, der Palpuognasee beinahe zu perfekt zwischen goldenen Lärchen eingebettet. Im Morteratschtal finden wir den für uns stimmigen Fotospot erst auf einer späteren Reise – und doch bleibt die Wanderung mit Blick Richtung Gletscher eindrücklich und lohnend.

Auch das Val da Camp mit dem Saoseo steht früh auf unserer Liste. Am Ufer fällt der Blick auf einen Baum mit freigelegtem Wurzelwerk, das sich zwischen Steinen und Erde seinen Weg sucht – ein aussergewöhnliches, kraftvolles Motiv. Für den Sonnenuntergang verändern wir unsere Position. Beim ersten Besuch ist der See bereits zur Hälfte zugefroren – die Spiegelung nicht so, wie wir sie uns vorstellen. Ein Bild entsteht trotzdem, aber nicht jenes, das wir im Kopf haben. Also kommen wir zurück. Zwar bleibt das erhoffte Abendrot auch diesmal aus, doch stattdessen sinkt die Sonne genau zwischen den beiden Lärchen auf der kleinen Insel im See – besser hätte es sich kaum planen lassen.

Auf derselben Reise führt uns ein Besuch im Engadin Bad Scuol eher zufällig zum Lai Nair. Im Gespräch mit der Hotelinhaberin fällt der Tipp – und sie hat recht. Ein stiller, fast abgeschiedener Ort, mit einem dunklen Bergsee und einer besonderen Ruhe. Am nächsten Morgen wird uns allerdings schnell klar, dass der See lange im Schatten liegt. Deshalb kommen wir am Abend zurück, wenn das Licht die Lärchen erfasst und sie sich im Wasser spiegeln.

Aus den geplanten drei Tagen werden schliesslich neun – getragen von diesem ruhigen Rhythmus aus Licht, Landschaft und Warten. Kurz kehren wir nach Hause zurück, nur um uns einen Tag später bereits wieder auf dem Weg ins Engadin zu finden – und entdecken dabei, wie viel Fülle direkt vor unserer Haustür liegt. Ganz nebenbei gerät dabei ein alter Gedanke ins Wanken: die Schweiz erst nach der Pensionierung zu bereisen, wenn die grosse weite Welt zu anstrengend wird. Es gibt noch so viele Orte in der Schweiz, die wir künftig an Wochenenden oder auf kurzen Reisen entdecken und fotografisch festhalten möchten.

Zurück
Zurück

Hartnäckiger Wegbegleiter

Weiter
Weiter

Das magisch helle Grün der Verzasca