Das Gold vor unserer Haustür

Manchmal braucht es keinen grossen Plan, um aufzubrechen. Ein paar Ideen, eine Kamera, das Stativ – und der Wunsch, ein paar Tage raus aus dem Alltag zu kommen. Von zu Hause sind es gerade einmal drei Stunden bis ins Engadin. Drei Stunden, hinter denen eine Landschaft beginnt, die wir bisher nur von Bildern kennen.

Oktober 2022

Drei Tage Engadin. Mehr ist zunächst nicht geplant. Ein paar ausgesuchte Fotospots und die Hoffnung auf schöne Stimmungen und gutes Licht. Das Engadin ist für uns völliges Neuland. Einige Orte haben wir recherchiert, die wir fotografieren möchten. Doch welche Perspektive am Ende die richtige ist und wann ein Ort sein schönstes Licht zeigt, entdecken wir erst vor Ort.

Schon bald merken wir, welches Glück wir mit unserer Reisezeit haben. Die Lärchen stehen in voller Herbstpracht und verwandeln das Engadin in ein leuchtendes Farbenmeer. Ihre Nadeln schimmern in warmen Gelb-, Orange- und Goldtönen, ganze Berghänge scheinen zu glühen. Zwischen dunklen Wäldern und schroffen Bergflanken setzen sie leuchtende Farbakzente, während sich ihr Gold in den klaren Seen spiegelt. Wir sind zur goldrichtigen Zeit hier – ganz zufällig. Und je länger wir unterwegs sind, desto mehr entdecken wir die besondere Schönheit des Engadiner Herbstes. Es ist ein Fest für die Augen.

Auch das Wetter könnte kaum schöner sein. Während die Morgen eiskalt sind, erwarten uns tagsüber warme, sonnige Stunden. Der Himmel ist tiefblau, und die klare Herbstluft lässt die Bergwelt gestochen scharf erscheinen. Für unsere Spiegelungen wird vor allem der Wind zum entscheidenden Faktor. Wir beobachten die Wetterapp und nutzen die windstillen Stunden, wenn die Seen zu perfekten Spiegeln werden.

Das Licht entscheidet, wohin wir fahren. Vor Sonnenaufgang liegt eine besondere Stille über dem Land. Die Lärchen leuchten immer intensiver, das Wasser wird zum Spiegel und aus einer zunächst dunklen Szenerie entsteht innerhalb weniger Minuten ein vollkommen anderes Bild.

Auf dem Lärchenweg am Silsersee finden wir erste Kompositionen. Der Stazersee liegt ruhig zwischen den Bäumen, der Palpuognasee beinahe zu perfekt zwischen goldenen Lärchen eingebettet. Jeder See hat seinen eigenen Charakter. Auch das Morteratschtal beeindruckt uns – den für uns passenden Fotospot werden wir allerdings erst bei einer späteren Reise finden.

Besonders viel Zeit nehmen wir uns für das Val da Camp mit dem Saoseosee. Wir übernachten in einer SAC-Hütte, um sowohl den Sonnenuntergang als auch den Sonnenaufgang am See erleben zu können. Schon am Ufer entdecken wir einen Baum mit freigelegtem Wurzelwerk, das sich zwischen Steinen und Erde seinen Weg sucht – ein kleines, kraftvolles Detail inmitten dieser grossen Landschaft. Doch beim ersten Besuch ist der See bereits zur Hälfte zugefroren. Die spiegelnde Wasserfläche, auf die wir gehofft haben, fehlt. Unser gewünschtes Bild lässt sich so nicht verwirklichen.

Auch der Lai Nair gehört zu unseren ungeplanten Entdeckungen. Der dunkle Bergsee liegt beinahe abgeschieden in der Landschaft, umgeben von Lärchen und Bergen. Hier sind wir fast allein. Eine beinahe vollkommene Ruhe liegt über dem See. Kaum Bewegung – nur das leise Rauschen des Schilfs und die Weite der Berge ringsum. Dann erreicht das warme Abendlicht die goldenen Lärchen. Sie beginnen zu leuchten und spiegeln sich im ruhigen Wasser. Es ist einer dieser Momente, in denen die Landschaft nichts weiter braucht. Man steht einfach da und möchte diese Stille noch ein wenig länger bewahren.

Aus den geplanten drei Tagen werden schliesslich neun. Neun Tage voller goldener Lärchen, stiller Seen und immer neuer Lichtstimmungen. Was als kurzer Tapetenwechsel gedacht war, bekommt plötzlich seinen ganz eigenen Rhythmus – und die Kälte gehört unweigerlich dazu. Eingepackt in mehrere Schichten und mit Tee aus der Thermosflasche stehen wir an den Seen. Am Stazersee, am Palpuognasee und am Saoseosee werden unsere Füsse irgendwann so kalt, dass wir sie kaum noch spüren. Aber wir bleiben. Für das besondere Licht und die ruhigen Spiegelungen nehmen wir einiges in Kauf.

Neun Tage später fahren wir schliesslich nach Hause. Was als spontaner Kurztrip begonnen hat, lässt uns mit einem neuen Blick auf die eigene Umgebung zurück. Wir entdecken, dass die Ferne nicht immer weit weg sein muss, um uns zu überraschen – manchmal liegt das Besondere nur drei Stunden entfernt.

Oktober 2024

Zwei Jahre später stehen wir wieder vor der Frage, wohin die Reise gehen soll. Und erneut fällt die Entscheidung spontan: Engadin. Einige Orte kennen wir bereits – und bei manchen Motiven haben wir noch eine offene Rechnung. Vor allem den Saoseosee und das Morteratschtal möchten wir noch einmal erleben.

Doch zunächst überrascht uns das Wetter mit einer Stimmung, die wir 2022 nicht erlebt haben. Nebel zieht durch die Täler, legt sich über die Wälder und lässt die Berge stellenweise nur schemenhaft hervortreten. Besonders am Stazersee entsteht dadurch eine Atmosphäre, die unsere Bilder noch besonderer macht. Die goldenen Lärchen verschwimmen im Dunst, Spiegelungen lösen sich auf, Konturen werden weich. Die Landschaft wirkt plötzlich mystisch, beinahe zeitlos. Es ist dasselbe Engadin – und doch scheint es eine andere Welt zu sein.

Auch im Morteratschtal wollen wir den «Photospot» finden, der uns bei der ersten Reise noch gefehlt hat. Wir suchen lange, probieren verschiedene Standorte aus und verändern immer wieder die Perspektive. Erst nach einer Weile finden wir schliesslich den Platz, an dem sich alles öffnet: das Tal, die goldenen Lärchen und darüber die gewaltige Bergwelt mit ihren schroffen Gipfeln und dem Gletscher.

Am Saoseosee ist diesmal vieles anders. Die Wasserfläche ist frei und bietet jene spiegelnde Ruhe, die uns zwei Jahre zuvor gefehlt hat. Wir hoffen auf leuchtende Farben am Himmel und vielleicht sogar auf die Milchstrasse. Beides bleibt uns verwehrt. Stattdessen schenkt uns der See einen Moment, den wir so nicht erwartet haben: Die Sonne steht genau zwischen zwei Bäumen und verwandelt sich für wenige Augenblicke in einen perfekten Sonnenstern. Ihre Strahlen brechen durch die Äste, spiegeln sich auf dem Wasser und setzen einen kleinen, hellen Mittelpunkt in die stille Landschaft.

Diesmal heben wir die Perspektive buchstäblich an. Mit der Drohne entdecken wir das Engadin aus einer völlig neuen Sicht. Was vom Boden aus wie einzelne Landschaften wirkt, wird von oben zu einem grossen, zusammenhängenden Bild. Die goldenen Lärchen ziehen sich durch die Täler, Seen werden zu dunklen Spiegeln zwischen den Bergen und Wege zu feinen Spuren inmitten der Landschaft. Besonders der Silsersee begeistert uns. Seine Weite, die geschwungenen Ufer und die goldenen Lärchen ergeben aus der Luft eine ganz eigene Komposition. Wir fliegen über den See und seine Umgebung und entdecken immer wieder neue Bilder in einer Landschaft, die uns längst vertraut scheint.

Gerade darin liegt der Reiz dieser zweiten Reise: Wir müssen das Engadin nicht mehr kennenlernen. Wir dürfen genauer hinsehen. Der Herbst zeigt uns dabei immer wieder ein anderes Gesicht. Mal leuchten die Lärchen im warmen Gold der Sonne, mal liegt Nebel wie ein Schleier über dem Wasser. Mal spiegeln sich Berge und Wälder gestochen scharf im See, dann verschwimmen ihre Konturen im Dunst. Nichts bleibt gleich.

Und vielleicht ist das genau der Reiz: Wir kommen zurück und entdecken neue Perspektiven, neue Stimmungen und Bilder, die beim ersten Mal noch nicht möglich waren. Denn am Ende sind es nicht die Orte allein, die uns in Erinnerung bleiben. Es sind die Momente, die dort entstehen. Die vielleicht schönste Erkenntnis dieser beiden Reisen ist: Es braucht nicht immer eine weite Reise, um etwas Neues zu erleben. Manchmal reichen drei Stunden Fahrt, ein klarer Herbstmorgen und die Bereitschaft, stehen zu bleiben und hinzusehen. Zwischen goldenen Lärchen, stillen Seen, Nebelschleiern und gewaltigen Bergen finden wir immer wieder genau das, wonach wir eigentlich gar nicht gesucht haben.

«Nicht alles, was wir suchen, finden wir. Und manches, was wir finden, haben wir nie gesucht.»

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