Pelikanfieber am Kerkini-See
Der Kerkini-See wirkt vom Ufer aus still und beinahe unscheinbar. Ein See, der nichts von dem preisgibt, was er bereithält. Erst wenn ein kleines Fischerboot das Wasser teilt, beginnt er, eine andere Geschichte zu erzählen – eine, die wackelt, zerrt, Kraft kostet und Spuren hinterlässt.
Fotografieren auf dem Wasser ist eine eigene Welt. Statt wie gewohnt durch den Sucher zu blicken, fotografierten wir meist über den Display, die Kamera knapp über der Wasseroberfläche gehalten. Es ist kein sanfter Tanz, sondern ein Kräftemessen. Hände, Arme, Schultern, Nacken – der ganze Körper steht unter Spannung und balanciert auf einem Boot, das unaufhörlich in Bewegung bleibt. Nach wenigen Minuten fühlt sich alles schwer an, als würde die Kraft langsam versickern. Und doch bleibt man dabei. Noch ein Bild. Noch ein Versuch. Immer wieder taucht die Kamera ins Wasser, manchmal nur flüchtig, manchmal deutlicher, als einem lieb ist. Jedes Mal ein kurzer Moment des Innehaltens – jedes Mal ein kleiner Herzstillstand. Gottseidank ist sie spritzwassergeschützt. Und ja: Sie lebt noch.
Die Pelikane lassen nicht lange auf sich warten. Einige sind schon bei der Hafenausfahrt präsent, während nach und nach weitere dazu kommen, angelockt vom Rufen des Kapitäns. Hungrig, aufmerksam, zielgerichtet folgen sie dem Boot. Manche setzen sich auf das kurze Bootsdach, warten geduldig und entledigen sich zwischendurch völlig ungerührt. Landet es unglücklich mitten im Boot, spritzte es auf Rucksäcke, Jacken und Ausrüstung. Teil des Erlebnisses. Unvermeidlich.
Am ersten Tag liegt der See nahezu regungslos vor uns. Spiegelglattes Wasser verdoppelt die Welt, die Pelikane spiegeln sich perfekt – fotografisch ein Traum, körperlich… weniger. Besonders bei Flugaufnahmen vom fahrenden Boot wird mir speiübel. Fotografieren auf dem Boot ist wie Lesen im Auto – der Blick bleibt konzentriert, während der Körper protestiert. Über allem liegt ein sanftes Licht, das die Landschaft in Rosa und zarte Pastelltöne taucht. In der Ferne sind die Bergspitzen noch von Schnee bedeckt, was dem Ganzen eine fast unwirkliche Ruhe verleiht.
Mit den folgenden Tagen verändert sich die Szenerie spürbar. Am dritten Tag ist der Schnee in den Bergen fast verschwunden, das Licht klarer, die Bedingungen rauer. Wind kommt auf, das Boot wird unruhiger, und die Arbeit knapp über der Wasseroberfläche verlangt noch mehr Präzision.
Die Pelikane selbst bewegen sich vergleichsweise ruhig. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Bildkomposition: Das ständig wandelnde Boot, die Nähe zur Wasseroberfläche, das Fotografieren über den kleinen Display – all das verlangt ein völlig neues Sehen. Linien verschieben sich, Horizonte kippen, und jedes Bild muss bewusst erarbeitet werden.
Der Workshop ist intensiv und ausgesprochen lehrreich. Obwohl er nur dreieinhalb Tage dauert, ist der Unterschied zwischen den Fotos vom ersten und letzten Tag deutlich sichtbar. Unser Guide Sean Weekly, ein stets gut gelaunter Engländer, begleitet uns mit Humor, Geduld und spürbarer Freude. Besonders eindrücklich ist seine spontane Präsentation über Licht und Schatten, die er kurzerhand in der Mittagspause hält. Mit einer Spülmittelflasche als Motiv und einer Taschenlampe als improvisierter Sonne macht er Zusammenhänge verständlich, die den Blick nachhaltig schärfen.
Diese Reise fordert. Aber sie zeigt auch, was möglich ist, wenn man sich darauf einlässt. Der Kerkini-See ist kein einfacher Ort. Aber ein unvergesslicher.
Der See klingt nicht abrupt aus. Er bleibt noch eine Weile – in den Bildern, im Körper und in der Erinnerung an die Tage auf dem Wasser. Irgendwann, ohne klaren Moment, stellt sich etwas ein zwischen Wasserlinie, Bewegung und Licht. Eine leise Faszination. Das Pelikanfieber.
„Es ist die Stille zwischen den Wellen, die den Moment unvergesslich macht.“ – unbekannt