Oh Schottland - Ferien in Gummistiefeln

August 2019

Lange habe ich einen grossen Bogen um dieses Land gemacht. Nachdem ich schon im Vorjahr unsere Reisepläne kurzfristig umkrempelte, gibt es in diesem Jahr kein Zurück mehr. Und je näher die Reise rückt, desto grösser wird meine Vorfreude. Schottlands schroffe Küsten, wilde Highlands und sattgrünen Landschaften bieten eine faszinierende Motivwelt, die jeden naturbegeisterten Fotografen in Euphorie versetzt. Nur das Wetter hat offenbar andere Pläne. Statt goldener Lichtstimmungen gibt es reichlich Regen, tiefe Wolken und nasse Füsse. Doch immer wieder reisst der Himmel auf und gibt den Blick auf eine Landschaft frei, die uns erahnen lässt, warum wir unbedingt hierher wollten.

Um dem Regen zu entkommen, nehmen wir teilweise weite Strecken auf uns. Kaum zeigt die Wetter-App irgendwo einen kleinen Hoffnungsschimmer, ändern wir unsere Route und fahren weiter. Auch das Campingproblem lösen wir kurzerhand auf unsere Weise: Statt uns auf den ausgebuchten Campingplätzen um einen Stellplatz zu bemühen, campieren wir während der gesamten Reise wild. So sind wir unabhängig und können jeden Abend dort bleiben, wo es uns gerade gefällt – hoffentlich möglichst weit weg vom nächsten Regenschauer.

Viele der Orte, auf die wir uns freuen, zeigen sich uns trotzdem nicht von ihrer besten Seite. Berge verschwinden in den Wolken, Ausblicke enden an einer grauen Wand und aus den erhofften Lichtstimmungen wird bestenfalls ein kurzes Durchblinzeln der Sonne. Manchmal steigen wir aus purer Unlust gar nicht erst aus dem Camper. Wenn draussen alles grau in grau ist, fehlt irgendwann auch die Motivation, sich noch auf den Weg zu machen. Und dann gibt es diese kurzen Momente, in denen der Regen aussetzt, die Wolken aufreissen und Schottland für einen Augenblick zeigt, was in ihm steckt. Einer davon erwartet uns beim «Devil’s Pulpit». Schon der Abstieg über die steile Felstreppe ist ein kleines Abenteuer. Unten angekommen, geht es barfuss und mit hochgekrempelter Hose weiter durch das eiskalte Wasser des Carnock Burn, flussaufwärts bis zum eigentlichen Wasserschauplatz. Der Farbkontrast könnte kaum grösser sein: Rechts und links ragen rote Sandsteinfelsen empor, dicht mit leuchtend grünem Moos bewachsen. Dazwischen bahnt sich das rotbraune Wasser seinen Weg durch die enge Schlucht. Ein Ort, der selbst unter diesem grauen Himmel seine ganz eigene Magie entfaltet.

Auch die Highlands zeigen uns immer wieder ihre raue Schönheit. Der mächtige Buachaille Etive Mòr erhebt sich über dem Tal Glencoe, Seen liegen eingebettet zwischen den Bergen und wilde Wasserläufe ziehen durch die sattgrüne Landschaft. Manchmal müssen wir allerdings Geduld haben: Wir warten, bis der Regen aussetzt und sich die Wasseroberfläche beruhigt. Dann zeigen sich sogar die erhofften Spiegelungen und für einen kurzen Moment wirkt die Landschaft genauso, wie wir sie uns vorgestellt haben. Beim Glenfinnan Viadukt wartet ein weiteres Highlight. Die 380 Meter lange Brücke mit ihren 21 Bögen und schmalen Pfeilern ist schon für sich ein beeindruckendes Bauwerk. Berühmt wird sie als Kulisse aus den Harry-Potter-Filmen. Besonders mit dem Jacobite Steam Train, der über das Viadukt fährt, ist sie ein beliebtes Fotosujet. Das wollen auch wir uns – wie unzählige andere Besucher – natürlich nicht entgehen lassen.

Auf die «Isle of Skye» freue ich mich besonders. Doch kaum haben wir die Skye Bridge passiert, schüttet es auch dort wieder wie aus Kübeln. Unsere Pläne fallen einmal mehr ins Wasser und unsere Stimmung sinkt entsprechend. Ferien in Gummistiefeln – echt jetzt? Also wieder Wetter-App öffnen, Karten studieren und überlegen, wohin wir weiterziehen können. Doch auch die Flucht vor dem Regen hat ihre Grenzen. Irgendwann bleibt nur noch, das Wetter zu nehmen, wie es kommt. Immerhin schenkt uns Schottland einen einzigen richtigen Sonnentag. Wir nutzen ihn für den Aufstieg zum «Old Man of Storr». Der Weg entpuppt sich nach den vielen Regentagen als reinste Rutschpartie. Oben angekommen, werden wir dafür mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt. Und ausgerechnet hier wünschen wir uns für einmal ein paar – wenige! – Wolken am Himmel. Ein bisschen mehr Dramatik hätte der Szenerie durchaus gutgetan.

So bleibt uns Schottland als ein Land in Erinnerung, das wir gerne unter anderen Bedingungen kennengelernt hätten. Wir sehen die raue Schönheit der Highlands, das satte Grün, die tosenden Wasserläufe und die spektakulären Felsformationen – doch viel zu oft liegt ein grauer Filter darüber. Immer wieder blitzen diese besonderen Momente durch, die uns erahnen lassen, wie grossartig dieses Land bei etwas mehr Wetterglück sein muss. Vielleicht wagen wir irgendwann noch einmal einen Versuch im Norden. Vielleicht zeigt sich Schottland dann von seiner sonnigeren Seite. Vorerst lassen wir es jedoch gut sein. Von Ferien in Gummistiefeln haben wir fürs Erste genug.

«Wenn dir das schottische Wetter nicht gefällt, warte fünf Minuten … Oder Stunden, wie in unserem Fall»


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Das magisch helle Grün der Verzasca

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Lichtblicke in einer rauen Welt