Lichtblicke in einer rauen Welt
Schwarze Lava, leuchtend grüne Moospolster, tosende Wasserfälle und mächtige Gletscher – Island ist ein Land der Gegensätze. Die Natur wirkt rau und ungezähmt, manchmal beinahe surreal. Genau diese wilde Schönheit fasziniert uns und lässt uns zehn Jahre später noch einmal aufbrechen. Zwei Reisen, zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen – und doch immer dieselbe Faszination für eine Landschaft, die sich jeder Berechenbarkeit entzieht.
August 2008
Unsere erste Reise beginnt mit der Blauen Lagune. Schon lange bevor wir sie erreichen, liegt der eigenwillige Geruch nach Schwefel in der Luft. Im blauen Wasser, umgeben von schwarzer Lava und aufsteigendem Dampf, lassen wir uns treiben. Der Boden unter unseren Füssen fühlt sich ungewohnt glitschig an, immer wieder quillt weicher Schlamm zwischen unseren Zehen hervor. Ein eigenartiges Gefühl – und gleichzeitig ein ziemlich ungewöhnlicher Einstieg in ein Land, das uns noch oft überraschen wird. Danach fühlt sich unsere Haut tatsächlich an wie ein Babypopo.
Auch das Hochland zeigt uns schnell, dass Island nicht einfach nur schön sein will. In Landmannalaugar haben wir uns die leuchtenden Farben der Berge vorgestellt. Doch an diesem Tag hängen die Wolken tief, es regnet und vieles bleibt im Grau verborgen. Wir hätten uns diesen Ort gerne bei besserem Wetter angesehen. Umso mehr beeindruckt uns, wie selbstverständlich andere Besucher hier campieren und der Kälte trotzen. Wir dagegen sind am Abend ziemlich froh, wieder im warmen Bus Richtung Reykjavík zu sitzen.
Mit dem Mietwagen geht es weiter durch das Goldene Dreieck und entlang der Südküste. Der Strokkur schiesst seine Fontäne mit gewaltiger Kraft in die Höhe, während der Gullfoss seine Wassermassen donnernd in die Tiefe stürzt. An der Küste führen uns Seljalandsfoss, Dyrhólaey und Vík weiter zu schwarzen Stränden und einer wilden Brandung.
Doch nichts bereitet uns auf Jökulsárlón vor. Die Eisberge treiben lautlos durch die Lagune, manche leuchten in intensivem Blau. Eine Amphibienbootfahrt führt uns mitten hinein in diese unwirkliche Welt, und am Ufer entdecken wir sogar Robben. Wir setzen uns auf einen kleinen Hügel und bleiben dort stundenlang. Ich kann meinen Blick kaum von diesem Ort lösen. Am nächsten Tag wandern wir über den Gletscher und kehren danach noch einmal zurück. Diesmal scheint die Sonne, und das Eis beginnt zu leuchten. Genau solche Momente bleiben.
Weiter im Norden begegnen wir wieder der ganzen Wucht Islands. Am Mývatn und in Hverir brodelt, dampft und zischt die Erde. Der Schwefelgeruch ist allgegenwärtig, der Boden scheint an manchen Stellen beinahe lebendig. Am Leirhnjúkur wandern wir durch eine Landschaft aus Lava, Dampf und kargen Farben. Island fühlt sich hier weniger wie eine Landschaft als wie ein Blick in das Innere der Erde an.
Unsere erste Reise endet mit dem Gefühl, nur einen Bruchteil dieser gewaltigen Insel gesehen zu haben. Aber manches braucht nicht viele Worte. Jökulsárlón, das blaue Eis, die schwarzen Strände und diese völlig andere Welt bleiben uns im Kopf. Island hat uns gepackt.
Juni 2018
Zehn Jahre später sind wir wieder da. Vieles ist vertraut, und doch erleben wir Island diesmal mit anderen Augen. Wir wollen uns mehr Zeit nehmen, genauer hinschauen und vor allem fotografieren. Der Camper gibt uns dabei die Freiheit, spontan dorthin weiterzufahren, wo das Wetter vielleicht doch noch eine Chance auf gute Bedingungen lässt. Und die Drohne eröffnet uns ganz neue Perspektiven.
Nur das Wetter hat offenbar andere Pläne. Während weite Teile Europas unter einer hartnäckigen Hitzewelle schwitzen, herrschen hier Kälte, Regen und Nebel – der schlechteste Sommer seit rund 100 Jahren. Immer wieder sitzen wir über der Wetterkarte, ändern unsere Pläne und entscheiden neu, wohin es als Nächstes geht. Wir fahren Umwege, kehren um und versuchen, den Regenfronten auszuweichen. So kommt es, dass wir am Ende eineinhalb Mal um die Insel fahren. Nicht, weil wir von Anfang an so viel herumfahren wollten, sondern weil uns das Wetter immer wieder in eine andere Richtung schickt.
Am schwarzen Strand von Vík verbringen wir lange Stunden draussen. Die Brandung, die dunklen Felsen und die Reynisdrangar ziehen uns immer wieder an. Für eine andere Perspektive möchte ich nicht über die Felsen klettern, sondern aussen herumgehen. Ich warte den Rückzug einer Welle ab und setze gerade an, hinüberzugehen – doch die nächste Welle ist schneller. Eiskaltes Meerwasser läuft mir in die Gummistiefel. Wir lassen uns davon nicht vertreiben und fotografieren weiter. Die Kälte spüre ich längst bis in die Knochen, und meine Füsse sind schon während des Fotografierens zu Eisklötzen geworden. Dass sie sich später im warmen Camper nur äusserst widerwillig wieder aufwärmen lassen, damit habe ich allerdings nicht gerechnet. Trotzdem bleiben wir bis zum Abend – zu sehr reizt uns die Stimmung am Strand. Wir suchen Perspektiven, beobachten die Wellen und probieren lange Belichtungszeiten aus. So entsteht unter anderem unser Bild der Reynisdrangar, bei dem das Meer wie ein weich fliessender blauer Schleier um die dunklen Felsen liegt. Nicht das Licht, das wir uns vorgestellt haben – aber plötzlich genau das Licht, das zu diesem Ort passt.
Auch beim Goðafoss bleiben wir hängen. Wir gehen hinunter ans Wasser und suchen nicht die klassische Perspektive von oben, sondern arbeiten mit den moosbewachsenen Steinen im Vordergrund. Das Wasser fliesst milchig weich um die Felsen, dahinter leuchtet das Grün, und der Goðafoss zieht sich wie ein breites Band durch die Landschaft. Wir probieren verschiedene Positionen aus, warten und fotografieren immer wieder. Am Ende entsteht eines unserer Lieblingsbilder dieser Reise. Nicht das grosse Panorama fasziniert uns, sondern dieses Zusammenspiel aus Wasser, Stein und Grün.
Manchmal sind es aber gerade die ungeplanten Entdeckungen, die uns am meisten Freude machen. Auf der Karte stossen wir zufällig auf eine kleine Gletscherlagune, die wir bisher überhaupt nicht auf dem Radar hatten. Wir werden neugierig und fahren hin. Der Weg führt über eine 4x4-Piste, obwohl unser Camper eigentlich nicht dafür gebaut ist. Doch dann stehen wir vor dieser Lagune – und können unser Glück kaum fassen. Kein Mensch weit und breit. Nur wir beide, das Eis, das Wasser und diese unglaubliche Ruhe. Ein echter Glückstreffer. Wir wollen den Ort unbedingt auch aus der Luft festhalten. Doch ausgerechnet hier macht uns die Drohne einen gehörigen Schrecken. Der Wind frischt plötzlich so stark auf, dass sie kaum noch gegen ihn ankommt. Zurückfliegen können wir sie nicht einfach, also müssen wir mit dem Wind fliegen und hoffen, dass er irgendwann nachlässt. Die Warnsignale ertönen immer wieder, der Akku sinkt und unsere Schweisshände werden nicht gerade trockener. Wir werden zunehmend ungeduldig und nervös. Mit der letzten Reserve schafft es die Drohne zurück. Erst als wir sie wieder in den Händen halten, können wir aufatmen.
Am Mývatn folgt der nächste Schreckmoment. Plötzlich bricht die Übertragung der Drohne auf dem iPad ab. Wir sind völlig irritiert und denken zuerst, die Drohne habe ein Problem – oder das iPad. Wir schauen hektisch nach oben. Nichts. Erst dann erkennen wir, dass eine dichte Nebelfront aufgezogen ist und die Drohne vollständig verschluckt hat. Für einen Moment ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Glücklicherweise taucht sie wenig später wieder aus dem Nebel auf.
Bei Stokksnes am Vestrahorn wartet eine ganz andere Geduldsprobe auf uns. Wir stehen zwischen grünen Grasflächen und schwarzem Sand, dahinter die gewaltigen Berge. Für dieses Motiv haben wir sogar den Eintritt beim nahe gelegenen Café bezahlt. Jetzt fehlt nur noch eines: das passende Licht. Die Wolken hängen tief über den Gipfeln. Wir warten. Und warten weiter. Dann öffnet sich plötzlich eine Lücke. Für einen kurzen Moment geben die Wolken die Bergspitzen frei. Das Licht verändert die ganze Szenerie, der schwarze Strand und die grünen Flächen beginnen zu leuchten. Genau für diesen Augenblick sind wir hier. Er dauert nicht lange – aber lange genug.
Und noch etwas fällt uns bei unserer Rückkehr auf: Island ist unglaublich voll geworden. Was wir 2008 teilweise fast menschenleer erleben, ist zehn Jahre später an vielen Orten kaum wiederzuerkennen. Parkplätze sind voll, an den bekannten Sehenswürdigkeiten drängen sich die Besucher, und selbst Orte, die wir als einsam in Erinnerung haben, sind inzwischen gut besucht. Für uns als Fotografen wird es dadurch deutlich schwieriger, die Weite und Ruhe einzufangen, die Island für uns ausmachen.
Trotzdem bleiben wir fasziniert. Denn landschaftlich ist Island noch immer gewaltig. Wir haben nur diesmal schlicht Pech mit dem Wetter – und irgendwann genug vom ständigen Regen und vom Norden. Auch Snæfellsnes, auf das wir uns eigentlich besonders gefreut haben, fällt den Wetterkapriolen zum Opfer. Aber Island ist noch nicht fertig mit uns. Irgendwann kommen wir wieder. Dann wollen wir ins Hochland, nach Snæfellsnes – und vielleicht auch einfach wieder dorthin, wo wir schon einmal standen und plötzlich dachten: Genau dafür sind wir hier.
„Island gibt uns nicht immer das Licht, das wir suchen – aber immer einen Grund, wiederzukommen.“