Die Spitze des Eisbergs

Juni 2014

Grönland ist zunächst nur eine weisse Fläche. Endlos, still und scheinbar ohne jede Struktur. Doch je näher wir der grössten Insel der Welt kommen, desto deutlicher zeichnet sich unter uns eine Landschaft ab, die mit nichts vergleichbar ist, was wir bisher gesehen haben. Rauhe Küstengebirge versinken im Weiss des Inlandeises, vor der Küste treiben unzählige Eisberge im Meer. Eine gewaltige, scheinbar grenzenlose Welt breitet sich unter uns aus, die rund 80 Prozent Grönlands bedeckt. Schon aus der Luft wird klar: Grönland lässt sich nicht einfach betrachten. Es überwältigt.

Ilulissat, unser erstes Ziel, liegt an der Diskobucht und trägt seinen Namen nicht ohne Grund: «Ilulissat» bedeutet Eisberge. Hier mündet der rund 60 Kilometer lange Ilulissat-Eisfjord ins Meer. Sein Eis stammt vom Sermeq Kujalleq, einem der produktivsten Gletscher der nördlichen Hemisphäre. Täglich schiebt er sich mit gewaltiger Geschwindigkeit vorwärts und kalbt Millionen Tonnen Eis in den Fjord. Was daraus entsteht, ist eine Welt aus Eis. Schon bei der ersten Fahrt hinaus in die Diskobucht verlieren wir jedes Gefühl für Grössenverhältnisse. Riesige Eisberge ragen aus dem Wasser, manche weiss und glatt, andere von tiefen Furchen durchzogen, mit Bögen, Höhlen und bizarren Spitzen. Türkisblaue Seen liegen auf ihren Oberflächen, eingeschlossenes Schmelzwasser lässt einzelne Partien in unwirklichen Blautönen leuchten. Was wir sehen, ist dabei nur die Spitze. Der weitaus grössere Teil dieser Kolosse verbirgt sich unter der Wasseroberfläche.

Das Meer ist beinahe spiegelglatt. Nur hin und wieder durchbricht ein dumpfer Knall die Stille, wenn Eis auf Eis trifft. Unser Boot bahnt sich langsam seinen Weg zwischen den Giganten hindurch. Doch neben den grossen Eisbergen treiben auch kleinere Stücke, manche kaum grösser als ein Felsbrocken. Von ganz nah betrachtet werden daraus filigrane Kunstwerke: geschwungene Linien, scharfe Kanten, Löcher und Risse, glatte Flächen und bizarre Formen. Keiner gleicht dem anderen. Und keiner bleibt. Das Eis schmilzt, dreht sich, bricht auseinander und verändert seine Form. Was heute wie eine perfekte Skulptur aus dem Wasser ragt, kann kurze Zeit später schon verschwunden sein. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir uns kaum sattsehen können. Wir wissen, dass dieser Anblick vergänglich ist.

Für unsere mehrstündigen Fahrten hinaus in die Diskobucht wählen wir bewusst die späten Abendstunden. Gegen 22 Uhr geht es aufs Wasser, wenn die Mitternachtssonne tief über dem Horizont steht und das Licht seine ganze Magie entfaltet. Während die Sonne langsam weiterzieht, verändert sich die Landschaft beinahe unmerklich. Das klare Tageslicht wird weicher, die Schatten länger, aus Weiss wird Gold, aus Blau ein zartes Türkis. Später legt sich ein Hauch von Rosa und Violett über den Himmel. Die Sonne geht nicht unter. Sie zieht nur ihre Kreise und taucht die Eisberge immer wieder in ein neues Licht. Stundenlang gleiten wir durch diese unwirkliche Szenerie. Die Kamera kommt kaum zur Ruhe, während vor uns ein Eisberg nach dem anderen auftaucht und wieder verschwindet. Jeder besitzt seine eigene Form, seine eigene Oberfläche, seine eigenen Farben. Die Schönheit hat allerdings ihren Preis. Irgendwann dringt die Kälte durch mehrere Schichten Kleidung, die Finger werden steif und die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Doch gerade dann scheint das Licht am schönsten. Also bleiben wir draussen, halten die Kamera in den Händen und lassen uns weiter durch diese Welt treiben.

Ein Rundflug über das Inlandeis eröffnet uns noch einmal eine völlig andere Perspektive. Unter uns breitet sich zunächst eine endlose weisse Fläche aus. Doch je näher wir dem Eis kommen, desto mehr Details werden sichtbar. Blaue Schmelzwasserläufe ziehen sich wie feine Linien über die Oberfläche, türkisfarbene Seen liegen zwischen weissen Feldern, tiefe Spalten und Schluchten durchbrechen das Eis. Wir fliegen über eine Landschaft, die gleichzeitig vollkommen fremd und faszinierend wirkt. Das Weiss ist nicht einfach Weiss. Es schimmert blau, türkis, grau und silbern. Schatten zeichnen Formen in das Eis, die aus der Höhe beinahe abstrakt wirken. Und plötzlich begreifen wir, wie klein wir sind – nicht nur angesichts der gewaltigen Eismassen, sondern auch angesichts der Zeit. Jeder Eisberg, der vor uns treibt, ist Teil eines Prozesses, der lange vor unserer Ankunft begonnen hat und lange nach unserer Abreise weitergehen wird.

Am Abend geht es wieder hinaus auf die Diskobucht. Wolken ziehen auf und verändern die Szenerie vollkommen. Was zuvor unter einem klaren, harten Himmel lag, wirkt plötzlich weich und beinahe dreidimensional. Die Wolken spiegeln sich im Wasser, die Eisberge bekommen neue Farben. Dann beginnt die Sonne, die Landschaft zu vergolden. Das Wasser ist voller kleiner Eissplitter, die wie Würfelzucker auf den Wellen schaukeln. Die grossen Eisberge gleiten langsam an uns vorbei. Die Welt wirkt vollkommen still, obwohl tief unter uns gewaltige Eismassen in Bewegung sind. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen die Wirklichkeit fast kitschiger wirkt als jedes Bild.

Wir wechseln nach Südgrönland und damit verändert sich auch die Landschaft. Narsarsuaq liegt in einer weitaus grüneren Umgebung. Das Klima ist milder, Flechten und Vegetation bedecken die Hänge, und zwischen den braunen Bergen liegt tiefblaues Wasser. Doch auch hier dreht sich alles um das Eis. Die Eisberge sind kleiner als in Ilulissat, dafür leuchten manche in einem intensiven Blau, das beinahe unwirklich erscheint. Auf spiegelglattem Wasser ziehen sie langsam an uns vorbei. Die Wolken spiegeln sich gemeinsam mit den Eismassen auf der Oberfläche, sodass Himmel und Meer miteinander zu verschmelzen scheinen. Manchmal sehen die Eisberge aus, als wären sie aus Glas gegossen. Andere wirken wie poliert. Wieder andere sind von geraden Linien, tiefen Gräben oder grossen Torbögen durchzogen. Das intensive Blau hat etwas Magisches. Es entsteht dort, wo das Eis besonders dicht und alt ist und das Licht tief in die Eismasse eindringt. Doch so schön diese Farbe ist, sie erzählt zugleich von Veränderung. Das Eis schmilzt. Es bricht auseinander. Es dreht sich und setzt seine Reise fort.

Immer wieder hören wir das Grollen aus dem Inneren der Eisberge. Ein dumpfer Knall, dann Stille. Manchmal folgt ein weiterer. Das Geräusch wirkt gewaltig, fast bedrohlich. Wir wissen, dass sich in diesen scheinbar unbeweglichen Massen Kräfte bewegen, die wir nur erahnen können. Und trotzdem ist es die Stille, die am Ende bleibt.

Auf unserer letzten Fahrt durch den Fjord lassen wir die Kameras irgendwann sinken. Wir schauen auf das tiefe Blau des Wassers, auf die weissen und türkisfarbenen Eisskulpturen und auf die braunen Berge im Hintergrund. Das Licht verändert sich langsam und macht aus jedem Eisberg wieder einen anderen. Die letzten Bilder entstehen nicht mehr mit der Kamera, sondern bleiben im Kopf.

Grönland ist eine Reise, die den Alltag erstaunlich schnell verschwinden lässt. Vielleicht liegt es an der Weite. Vielleicht an der Stille. Sieben Tage lang begegnen wir Eisbergen. Und doch gleicht keiner dem anderen. Grönland hinterlässt deshalb nicht einfach eine Sammlung spektakulärer Bilder. Es hinterlässt ein Gefühl – das Gefühl, für einen kurzen Moment an einem Ort gewesen zu sein, an dem die Natur noch ganz gross sein darf. Wo Eisberge nicht Kulisse, sondern Landschaft sind. Wo Stille nicht Abwesenheit bedeutet, sondern Präsenz. Vielleicht haben wir in diesen Tagen tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs gesehen. Und vielleicht ist genau das das Schönste daran.


«Vielleicht ist das Geheimnis dieser eisigen Welt, dass sie sich verändert, während wir noch staunen.»


Zurück
Zurück

Lichtblicke in einer rauen Welt

Weiter
Weiter

Tanzende Lichter