Tanzende Lichter

Februar 2013

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Seit langer Zeit hegen wir den Wunsch, einmal mit eigenen Augen zu sehen, was auf Bildern beinahe unwirklich erscheint: das Polarlicht. Dieses geheimnisvolle Leuchten, das irgendwo weit im Norden über Bergen, Fjorden und verschneiten Landschaften tanzt. Nun sind wir in Tromsø angekommen – mit Kameras im Gepäck und einer Ausrüstung, die fast mehr Platz einnimmt als wir selbst: Thermokleidung, extra warme Jacken, Schicht um Schicht, Fellmützen, dicke Handschuhe, warme Schuhe und alles, was uns bei den langen Nächten draussen vor der arktischen Kälte schützen soll.

Wir schliessen uns einer geführten Fotoreise an – eigentlich nicht ganz unsere Art zu reisen. Doch beim Polarlicht ist Ortskenntnis die halbe Miete. Die richtigen Plätze, Wetterdaten und Aurora-Prognosen erhöhen die Chancen enorm. Unsere Fahrzeuge sind mit Spikereifen unterwegs und die Fotografen kennen die Gegend. Vieles lässt sich planen. Doch am Ende braucht es immer auch das Quäntchen Glück.

Unsere erste Nacht führt uns nach Rørvika ans Meer. Eineinhalb Stunden fahren wir hinaus in die Dunkelheit, dann geht es zu Fuss über einen verschneiten Weg und schliesslich mehr torkelnd als laufend eine Böschung hinunter zum steinigen Strand. Vor uns liegt das dunkle Wasser, dahinter zeichnen sich die verschneiten Hügel ab, über uns funkelt ein klarer Sternenhimmel. Die Szenerie könnte kaum schöner sein. Nur das Polarlicht fehlt.

Ich habe tatsächlich geglaubt, bei klarem Himmel müsse es einfach da sein. Doch die Ernüchterung kommt schnell. Wir stehen auf grossen, vereisten Steinen, blicken immer wieder zum Horizont und warten. Minuten werden zu Stunden. Unsere Füsse werden kalt, die Steine immer unbequemer und meine Geduld schwindet mit jedem Blick auf den leeren Himmel. Nach drei Stunden ist meine Geduld am Ende. Ich sehne mich längst nur noch nach dem warmen Hotelzimmer. Doch das ist eben der Nachteil einer Gruppenreise: Wenn die anderen noch warten, wartet man mit. Stunden später schwindet auch bei unserem Reiseleiter die Hoffnung, dass sich heute noch etwas am Himmel zeigen wird. Wir packen unsere Ausrüstung zusammen und steigen in den VW-Bus. Kaum sitze ich auf meinem Platz, fallen mir die Augen zu. Der Alltagsstress zu Hause und diese lange Nacht in der Kälte haben mich völlig erschöpft. Doch kaum sind wir ein Stück gefahren, klingelt das Telefon: Polarlicht! Also drehen wir wieder um. Die perfekte Location ist inzwischen natürlich verloren. Und eigentlich sehne ich mich in diesem Moment nur noch nach meinem warmen Bett. Trotzdem steigen wir wieder aus – und tatsächlich: Über uns flackert grünes und rötliches Licht. Erst zaghaft, dann immer deutlicher schieben sich farbige Schleier über den dunklen Himmel. Eigentlich müsste das der Moment sein, auf den ich so lange gewartet habe. Doch dafür bin ich inzwischen einfach zu müde und zu durchgefroren. Während die anderen staunend nach oben schauen, trippeln meine Füsse ununterbrochen auf der Stelle. Ich versuche, wenigstens ein bisschen Wärme in meine längst tauben Zehen zu bekommen. Wir bauen trotzdem unsere Kameras auf und versuchen, das flüchtige Leuchten einzufangen. Weit nach Mitternacht sind wir endlich zurück, und gegen vier Uhr sinke ich erschöpft ins warme Bett.

Die Nacht ist kurz, und viel länger werden auch die folgenden Nächte nicht. Tagsüber sind wir unterwegs, erkunden die verschneite Landschaft und unternehmen Ausflüge, bevor wir uns am späten Nachmittag wieder für die nächste Polarlichtnacht bereit machen. Bei Skulsfjord begegnen wir Rentieren, die sich durch den Schnee bewegen und erstaunlich wenig scheu zeigen. Für einen Moment gehört unsere Aufmerksamkeit nicht dem Himmel, sondern diesen ruhigen Tieren und der stillen Winterlandschaft. Doch sobald die Dunkelheit wieder über das Land fällt, zieht es uns erneut hinaus.

Bei Nakkevatnet, einem zugefrorenen See bei Sjursnes, erleben wir eine Nacht, die uns an die Grenzen bringt. Das Thermometer zeigt minus 20 Grad, während sich der Schnee stellenweise bis zu 1,2 Meter hoch auftürmt. Unter unseren Schuhen knirscht er bei jedem Schritt – dieses trockene, gleichmässige Geräusch, das so untrennbar zum Winter gehört. Fast hat es etwas Beruhigendes, dieses leise Knirschen in der vollkommenen Stille. Doch heute kostet jeder Schritt Kraft. Wir versinken bis zu den Oberschenkeln im Schnee und kämpfen uns immer weiter hinaus. Am Seeufer steht eine kleine verschneite Hütte, ringsum ragen die weissen Berge in den dunklen Himmel. Alles ist gedämpft, erstarrt und vollkommen still. Irgendwo zwischen meterhohem Schnee und der Suche nach dem richtigen «Photospot» stellt sich dabei auch die ganz praktische Frage, wie man als Frau in dieser Schneewüste eigentlich zur Toilette geht.

Schliesslich stehen wir am See. Die anderen bleiben weiter hinten an der verschneiten Strasse, während wir mit unserem Profifotografen allein zurückbleiben. Vor uns die kleine Hütte, der zugefrorene See und die weissen Berge – und über allem beginnt die Aurora zu glimmen. Diesmal ist sie sanft. Feine grüne Schleier ziehen über den Himmel, werden etwas kräftiger, breiten sich aus und lösen sich wieder auf. Ein stilles, beinahe scheues Leuchten, das sich langsam über die Dunkelheit legt. Wir stehen einfach da und schauen. Unser Staunen wird Teil dieser unglaublichen Stille, die nur vom leisen Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen unterbrochen wird.

Doch die Kälte kennt keine Gnade. Der Atem gefriert in der Luft, an unseren Fellmützen bilden sich Eiskristalle und die Haare unserer Mützen frieren am Kameraokular fest. Die −20 Grad kriechen durch jede noch so kleine Lücke unserer Kleidung, lassen Finger und Zehen steif werden und machen selbst das Fotografieren zur Herausforderung. Irgendwann gibt auch die Technik auf. Später müssen wir die Kamera an der Autoheizung wieder auftauen.

Nach einigen Stunden wechseln wir den Standort und fahren hinunter zum Meer. Nur wenige Minuten Fahrt – und bei etwa null Grad fühlt sich die Luft plötzlich beinahe mild an. Wir gehen an den Strand, bauen unsere Kameras auf und blicken wieder hinauf. Was nun folgt, hat mit dem sanften Leuchten von Nakkevatnet kaum noch etwas gemeinsam. Zunächst ziehen grüne Bänder über den Himmel. Dann werden sie immer kräftiger. Lichtfontänen schiessen empor, drehen sich, winden sich umeinander und breiten sich über den ganzen Himmel aus. Es ist, als würde irgendwo hinter den Bergen ein unsichtbarer Vulkan aus Licht ausbrechen. Das Grün wird intensiver, die Formen immer gewaltiger, und unter uns spiegelt das Wasser dieses unglaubliche Leuchten. Immer wieder verändert sich der Himmel vor unseren Augen, als würde er atmen und dabei seine Gestalt wechseln. Wir können uns kaum losreissen. Neun Stunden dauert dieses Konzert am Himmel – neun Stunden, in denen die Zeit jede Bedeutung verliert.

Eine weitere Nacht führt uns nach Ersfjordbotn. Wieder warten wir. Wieder hoffen wir. Doch diesmal versteckt sich das Polarlicht hinter einer Wolkendecke. Immer wieder schimmert ein Hauch von Grün hindurch, gerade genug, um uns weiter hoffen zu lassen. Doch irgendwann geben wir auf. Das Polarlicht ist da – nur der Himmel will es uns nicht zeigen.

Und dann kommt unsere letzte grosse Nacht. Wieder fahren wir nach Rørvika, dorthin, wo unsere Reise mit drei Stunden vergeblichen Wartens begonnen hat. Auch diesmal vergehen rund dreieinhalb Stunden, bevor sich am Horizont endlich die ersten grünen Flecken zeigen. Zunächst ist es nur ein leises Versprechen. Doch dann scheint der Himmel plötzlich aufzureissen. Die Aurora erreicht eine Stärke von etwa vier und wird so hell, dass wir die Knöpfe unserer Kameras ohne Stirnlampe erkennen können. Grüne Bänder schiessen über den Himmel, werden zu leuchtenden Fackeln, drehen sich umeinander und ziehen wie gewaltige Vorhänge über die Nacht. Das Licht scheint von einem Ende des Himmels zum anderen zu fliessen, steigt auf, fällt wieder zurück und flammt an einer anderen Stelle erneut auf. Wir wissen kaum noch, wohin wir schauen sollen.

Und dann bricht es aus uns heraus. Wir jauchzen, lachen, rufen einander zu. Freudenschreie hallen durch die Nacht, wenn die Aurora plötzlich wieder aufflammt. Jede neue Lichtfontäne reisst uns aufs Neue mit. Die Kameras klicken ununterbrochen, während wir versuchen, dieses Schauspiel festzuhalten – obwohl längst klar ist, dass kein Foto einfangen kann, was sich gerade über unseren Köpfen abspielt. Nach all den Stunden des Wartens, nach der Kälte, der Müdigkeit und den Nächten voller Hoffnung und Enttäuschung ist es plötzlich da: genau das Licht, auf das wir so lange gewartet haben. Und nicht einfach ein wenig davon, sondern ein Himmel, der sich vor unseren Augen in Bewegung setzt. Leuchtendes Grün, das über uns hinwegzieht, sich zu gewaltigen Bögen formt, auffächert und im nächsten Moment wieder verschwindet. Formen, die entstehen und zerfliessen, noch bevor wir sie richtig begreifen können. Wir stehen mitten in diesem Spektakel und können unser Glück kaum fassen.

Vier Stunden lang hält dieses Schauspiel an. Vier Stunden, in denen die Nacht nicht mehr dunkel wirkt, sondern von diesem unwirklichen Leuchten erfüllt ist. Erst langsam wird die Aurora schwächer, die Lichtbänder verblassen und der Himmel findet zurück in seine Dunkelheit. Doch in uns klingt dieses Staunen noch lange nach.

Wir nehmen nicht nur unzählige Bilder mit nach Hause, sondern Erinnerungen an Nächte, die sich kaum in Worte fassen lassen: an das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen, an die eisige Stille am See, an den Atem, der in der Luft gefriert, und an diesen einen Himmel, der plötzlich lebendig wird. Vielleicht ist genau das die Magie des Polarlichts: Wir können die Jahreszeit wählen, den Ort kennen, Prognosen studieren und stundenlang warten. Aber wann der Himmel sein Licht entfacht, bleibt seine Entscheidung. Und vielleicht braucht es genau das, damit aus einem lang gehegten Wunsch ein Erlebnis wird, das man nie wieder vergisst.

«Manchmal muss man lange in die Dunkelheit schauen, bevor man das Licht sieht.»

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Die Spitze des Eisbergs