Wenn das Glück gleich zweimal zuschlägt

Mai 2022

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Unsere Reise durch den Südwesten beginnt im Death Valley. Am Zabriskie Point liegen bizarre, vielfarbige Gesteinsformationen wie zerfurchte Wellen vor uns. Wenig später stehen wir in Badwater, dem tiefsten Punkt der USA. Weisser Salzkristall bedeckt die weite Ebene. Über 40 Grad und ein heisser Wind lassen uns die Wüste auf ihre ganz eigene Art spüren – es fühlt sich an, als stünden wir vor einem riesigen Föhn. Weiter geht es ins Valley of Fire. Intensiv roter Sandstein leuchtet in der Sonne, und zwischen den Felsen entdecken wir immer neue Formen. Besonders die Fire Wave zieht uns in ihren Bann: Ihre geschwungenen Linien und kontrastreichen Bänder lassen sie wie eine versteinerte Welle erscheinen.

Von dort führt unsere Reise weiter nach Page. Und wie sich bald zeigt, schreibt dieser kleine Ort einige der schönsten Seiten unserer Reise.

Ein Abenteuer erwartet uns am Alstrom Point. Die Piste wird zunehmend anspruchsvoller, und irgendwann ist an entspanntes Fahren nicht mehr zu denken. Ich sitze am Steuer und arbeite mich Zentimeter für Zentimeter über die grossen Felsstufen. Bei jedem Aufsetzen des Jeeps geht ein kleiner Schreck durch uns. Doch schliesslich ist die schwierigste Passage geschafft und vor uns öffnet sich ein überwältigendes Panorama: Tief unter uns liegt die Padre Bay, eingerahmt vom Lake Powell und den roten Felswänden. Zunächst zeigt sich die Landschaft allerdings erstaunlich farblos. Eine gewaltige Wolkenfront hat sich vor die Sonne geschoben. Wir warten geduldig, bis sie endlich aufreisst und das Licht die Felsen für einen kurzen Moment in kräftigen Farben aufleuchten lässt. Viel später als geplant treten wir die Rückfahrt an. Inzwischen ist es dunkel, und ohne GPS tasten wir uns über die holprige Piste zurück. Erst als wir wieder die Hauptstrasse erreichen, fällt die Anspannung von uns ab.

Am nächsten Morgen tauchen wir im Upper Antelope Canyon in eine völlig andere Welt ein. Durch eine unscheinbare Felsspalte gelangen wir in eine schmale Schlucht aus geschwungenen Sandsteinwänden, feinsten Rillen und warmen Farbtönen. Schon die ersten Schritte lassen uns staunen. Durch die schmalen Öffnungen dringt das Sonnenlicht tief in die Schlucht und lässt die berühmten Light Beams entstehen. Wie Lichtvorhänge schweben sie durch die Dunkelheit, wandern über die geschwungenen Wände und lassen den Sandstein immer wieder anders aufleuchten. Doch die Enge hat ihren Preis: Zwischen Fotografen und Stativen herrscht dichtes Gedränge, während unser Navajo-Guide bereits zur Eile drängt. Hinter uns wartet schon die nächste Gruppe. Wir müssen unseren Platz behaupten, um überhaupt die wenigen Momente für ein gutes Bild nutzen zu können. Für uns ist schnell klar: Einmal reicht nicht. Wir buchen eine zweite Tour und hoffen, beim nächsten Mal etwas mehr Raum für diesen magischen Ort zu haben.

Nach der Tour werfen wir noch einen Blick auf unsere E-Mails. Die Rückmeldung auf die Lotterie vom Morgen ist da. Wir öffnen die Nachricht – und lesen: GEWONNEN! SPAM? Nein, tatsächlich! Dann gibt es kein Halten mehr: Wir jubeln, lachen, fallen uns in die Arme. Nach all den erfolglosen Versuchen haben wir tatsächlich unseren Lotto-Sechser geknackt. Die begehrten Tickets für die «Wave» sind plötzlich nicht mehr nur ein Traum. Am folgenden Morgen wird aus dem Traum Wirklichkeit. Der Marsch durch die Wüste ist anstrengend, doch dann liegt sie plötzlich vor uns: die «Wave». Eine gewaltige Sandsteinwelle, deren rot und orange gestreifte Linien sich weich und elegant durch den Fels ziehen. Wir laufen kreuz und quer durch die Formation, suchen immer neue Perspektiven und fotografieren, was das Zeug hält. Doch irgendwann legen wir die Kameras beiseite und setzen uns einfach hin. Wir können uns nicht sattsehen. Selbst die Second Wave und ein Felsen, der verblüffend einem Cheeseburger gleicht, können uns nur kurz von der grossen Wave weglocken. Stunden verbringen wir hier, bevor wir uns schweren Herzens auf den Rückweg machen. Und als wäre dieser Tag nicht schon aussergewöhnlich genug, erwartet uns am späten Nachmittag noch ein zweites Naturwunder: eine annulare Sonnenfinsternis. Kein einziges Wölkchen trübt den Himmel, als sich der Mond langsam vor die Sonne schiebt und die Sonne schliesslich als heller Ring am Himmel stehen bleibt. Staunend stehen wir in der Wüste und können kaum glauben, was wir an diesem einen Tag erleben. Ein Tag, der schöner kaum hätte sein können.

Die Sonnenfinsternis hat allerdings auch ihre Schattenseite: Page ist restlos ausgebucht, und wir müssen für die nächsten Nächte bis ins weiter südlich gelegene Tuba City ausweichen. Doch draussen in der Wüste ist von all dem Trubel nichts zu spüren. In den Coyote Buttes South breitet sich eine Welt aus roten, orangefarbenen und gelben Sandsteinschichten vor uns aus. Kleine Waves, filigrane Felsplatten und bizarre Hoodoos wechseln sich ab. Wir wandern stundenlang durch diese stille Landschaft und entdecken hinter jeder Kuppe neue Formen. Kein Mensch weit und breit – nur Wind und Weite begleiten uns. White Pocket setzt noch einmal einen ganz eigenen Akzent. Weisser, rosa-, orange- und rotfarbener Sandstein fliesst in weichen Wellen ineinander. Zwischen den bizarren Formen leuchten weisse Brain Rocks, und immer wieder entdecken wir Gebilde, die wie aus einer anderen Welt wirken. Wir streifen durch dieses natürliche Kunstwerk und wissen bald nicht mehr, wohin wir zuerst schauen sollen.

Nach den Tagen rund um Page führt uns die Reise weiter nach New Mexico. In den Bisti Badlands gibt es keine markierten Wege und kaum Orientierungshilfen. Wir suchen uns unseren Weg zwischen farbigen Lehmhügeln und bizarren Hoodoos. Hier scheint die Natur ihrer Fantasie freien Lauf gelassen zu haben: Manche Felsen erinnern an versteinerte Bienen, andere an riesige Dinosaurier-Eier. Immer wieder bleiben wir stehen, entdecken neue Formen und wollen uns noch lange nicht von dieser unwirklichen Landschaft trennen. Als die Dämmerung einsetzt, wird aus dem Ausflug ein kleines Abenteuer. Die Landschaft verschwindet in der Dunkelheit, und wir tasten uns über Sand und Steine zurück. Mehr als einmal versperrt uns ein Zaun den Weg. Zum Glück funktioniert die Karten-App auf unserem iPad wieder – ein Fehler, der uns am Vorabend noch einige Nerven gekostet hat, ist behoben. Rund vierzig Minuten später taucht endlich unser Auto aus der Dunkelheit auf. Erschöpft, aber glücklich treten wir die Rückfahrt an.

Zum Abschluss empfängt uns der Bryce Canyon mit seinem Amphitheater aus unzähligen filigranen Felstürmchen, bevor wir in Las Vegas endgültig in eine andere Welt eintauchen. Nach Tagen in einsamen Wüsten und abgelegenen Felslandschaften stehen wir plötzlich zwischen Neonlichtern, Casinos und gigantischen Hotelpalästen.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Hier die Stille der Wüste, dort eine Stadt, die Tag und Nacht glitzert, lärmt und sich selbst inszeniert. Und irgendwo über dieser Landschaft bleibt die Erinnerung an einen Tag, an dem sich die Natur gleich zweimal von ihrer spektakulärsten Seite zeigte – lange nachdem die letzten Meilen gefahren sind.

«Die Natur schreibt ihre schönsten Geschichten nicht mit Worten, sondern in Stein.»

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Am Ende der Welt – zwischen Wüstenzauber & Eiskristallen