Im Königreich des Jaguars

September 2017

Manchmal trägt uns die Sehnsucht weit über Kontinente hinweg, hinaus in eine Welt, die noch wild und ungezähmt ist. Nach vielen Fotosafaris in Afrika wächst der Wunsch, einmal einem Jaguar in freier Wildbahn zu begegnen. Das Pantanal scheint dafür wie geschaffen.

Doch bevor wir in diese Welt eintauchen, erwartet uns ein völlig anderes Naturschauspiel. Die Iguazú-Wasserfälle ziehen uns vom ersten Moment an in ihren Bann. Über hohe Kaskaden stürzt das Wasser in die Tiefe, verschwindet im weissen Sprühnebel und taucht als gewaltiger Strom wieder auf. Wir kommen den Fällen immer näher, bis wir schliesslich mitten im Wasser stehen. Die Hitze ist drückend, das Wasser überall um uns, und die Gischt durchnässt uns bis auf die Haut. Vor uns breitet sich eine Szenerie von unglaublicher Schönheit aus: Wasser, Felsen und üppiges Grün, soweit das Auge reicht. Für einen kurzen Moment spannt sich sogar ein Regenbogen über die Fälle. Auf der argentinischen Seite führt uns der Weg schliesslich bis zum Teufelsschlund, wo die Wassermassen mit gewaltiger Kraft in die Tiefe stürzen. Zwei Seiten, zwei Perspektiven – und doch bleibt die brasilianische Seite unser Favorit. Vielleicht, weil der Anblick trotz aller gewaltigen Kraft etwas Ruhiges und Weiches in sich trägt.

Dann wird es still. Das Pantanal empfängt uns mit einer Landschaft, die kaum gegensätzlicher sein könnte. Ruhige Flussarme spiegeln den Himmel, Wasserhyazinthen treiben an der Oberfläche, und über dem Wasser liegt eine fast zeitlose Stille. Doch diese Ruhe täuscht. Unter der flirrenden Hitze wartet eine Welt voller Bewegung.

Wir verbringen Stunden auf dem Boot, beobachten die Ufer und lassen uns treiben. Die Hitze ist beinahe greifbar, Insekten begleiten uns hartnäckig, und Geduld wird zum ständigen Begleiter. Doch sie wird belohnt. Immer wieder zeigen sich Jaguare – manchmal nur für wenige Sekunden, manchmal ganz nah. Wir beobachten sie beim Schwimmen, beim Ruhen und bei der Jagd. Kraftvoll und elegant bewegen sie sich durch eine Welt, die ihnen ganz selbstverständlich gehört.

Eine Begegnung ist dabei besonders faszinierend. Ein Funkspruch lässt uns aufbrechen, und mit hoher Geschwindigkeit rasen wir durch die zahllosen Kurven des Flusses. Eine Jaguardame hat einen Kaiman erbeutet. Für den Kill kommen wir zu spät, doch wir können beobachten, wie sie ihre schwere Beute mit unglaublicher Kraft die Uferböschung hinaufzieht. Später lässt sie sich wieder ins Wasser gleiten und treibt lange mit der Strömung dahin. Immer wieder bewegt sie sich dabei durch die Wasserhyazinthen und hält Ausschau nach Capybaras. Wir stellen den Motor ab und lassen uns ebenfalls treiben. Nur wenige Meter entfernt gleitet sie durch den Fluss – ruhig, aufmerksam und ganz in ihrem Element.

Doch das Pantanal hält noch viele andere Begegnungen bereit. Riesenotter tauchen neben dem Boot auf, Capybaras beobachten uns gelassen, und farbenprächtige Vögel schiessen über die Wasseroberfläche.

Noch bevor wir Porto Jofre erreichen, wartet auf der Transpantaneira eine ganz andere Überraschung. Unser Guide entdeckt eine Anakonda am Strassenrand, springt aus dem Fahrzeug und packt sie am Schwanz. Zögernd nehme ich all meinen Mut zusammen und halte sie selbst. Ihre Haut fühlt sich warm und glatt an, darunter spüre ich die Kraft ihrer Muskeln. Faszination und Ehrfurcht liegen dabei dicht beieinander.

In der Pousada Rio Claro hoffen wir auf einen Tapir. Stattdessen begegnen wir einem Nasenbären, dem wir ein Stück durch den Wald folgen. Schliesslich lässt er sich nieder und schläft ein. Wir können uns ihm bis auf wenige Meter nähern, während er völlig ungestört weiteratmet. Ein stiller, beinahe intimer Moment. Und über dem Wasser liefern sich Eisvögel und Bussarde atemberaubende Jagdflüge – so schnell, dass selbst die Kamera Mühe hat, ihnen zu folgen.

Diese Reise ist heiss, intensiv und nicht immer bequem. Sie verlangt Geduld und bringt kleine Entbehrungen mit sich. Doch gerade das macht ihren Reiz aus. Iguazú überwältigt uns mit der gewaltigen Kraft des Wassers, während das Pantanal seine Schönheit leiser zeigt. Hier donnert und tost es, dort plätschert das Wasser beinahe lautlos. Hier stürzt eine gewaltige Wassermasse in die Tiefe, dort lässt sich ein Jaguar scheinbar mühelos von der Strömung treiben.

Vielleicht sind es gerade diese Gegensätze, die uns bleiben: die nasse Haut unter den Wasserfällen, die flirrende Hitze auf dem Boot, das lange Warten – und dann plötzlich ein Jaguar, nur wenige Meter entfernt, wie er durch die Wasserhyazinthen zieht. Eine Reise zwischen gewaltiger Natur und stillen Momenten, zwischen Schweiss und Faszination, zwischen dem, was wir suchen, und dem, was uns völlig unerwartet begegnet.

«Die Natur ist nicht ein Ort, den man besucht, sondern ein Zuhause, das man für kurze Zeit mit allen Sinnen erfährt.»

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Wenn das Glück gleich zweimal zuschlägt