Am Ende der Welt – zwischen Wüstenzauber & Eiskristallen

Dezember 2009

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Buenos Aires ist unser erster Berührungspunkt mit Südamerika. Die Stadt empfängt uns mit sommerlicher Hitze, schwerer, feuchter Luft und dem unverwechselbaren südamerikanischen Leben auf den Strassen. Mit dem Flug nach El Calafate verändert sich die Welt. Unter uns wird aus der Stadt endlose Weite, karge Steppe breitet sich bis zum Horizont aus und die ersten Anden zeichnen sich ab. Vor uns liegt Patagonien – rau und ursprünglich.

Der Perito Moreno gehört zu den Landschaften, bei denen man zunächst einfach nur schaut. Vor uns erhebt sich eine bis zu 60 Meter hohe Eiswand, die sich über viele Kilometer in die Anden zurückzieht. Das Eis ist nicht einfach weiss. Es schimmert in unzähligen Blautönen, von fast durchsichtigem Türkis bis zu tiefem, geheimnisvollem Blau. Wir stehen auf dem Deck des Bootes und nähern uns langsam der gewaltigen Wand. Je näher wir kommen, desto eindrücklicher wird ihre schiere Grösse. Das Eis ragt hoch über uns auf, während sich unter der Oberfläche eine Masse verbirgt, von der nur ein kleiner Teil sichtbar ist. Später führen die Wege und Aussichtsterrassen immer näher an die Eisfront. Von hier lässt sich die ganze Dimension des Perito Moreno erahnen: eine gewaltige Eiszunge, die sich zwischen den Bergen hindurchschiebt und schliesslich senkrecht zum See abbricht. Dann durchbricht ein Krachen die Stille. Irgendwo tief im Gletscher arbeitet und bewegt sich das Eis. Sekunden später löst sich ein gewaltiger Block aus der Wand und stürzt mit donnerndem Getöse in den See. Wasser spritzt hoch, der Eisbrocken taucht ein und treibt wenig später als frisch geborener Eisberg davon. Wir könnten diesem Schauspiel stundenlang zusehen.

Auch das Wetter gehört zu Patagonien. Feiner Regen legt sich über die Landschaft und auf unsere Kamera. Immer wieder ziehen Wolken vor die Eiswand und nehmen ihr das Licht. Doch dann reisst der Himmel für einen kurzen Moment auf. Sonnenstrahlen fallen auf das Eis und bringen einzelne Flächen zum Leuchten. Blau, weiss und silbrig schiebt sich der Gletscher vor uns aus dem Bergmassiv – still und gewaltig zugleich.

Es ist nicht die Lautstärke des Gletschers, die uns am meisten beeindruckt. Es ist seine Bewegung. Dieses langsame, kaum wahrnehmbare Vorrücken, das im Gegensatz zu den gewaltigen Abbrüchen beinahe still wirkt. Eine Landschaft, die sich ständig verändert und doch den Eindruck erweckt, als hätte sie schon immer genau so ausgesehen. Es ist ein stiller Abschied von dieser eisigen Welt, bevor wir unsere Reise weiter nach Chile fortsetzen.

Von El Calafate führt uns die Reise über die Anden weiter nach Chile. In Puerto Natales übernehmen wir unseren Pick-up – auf offener Strasse, von einer Frau, die ausschliesslich Spanisch spricht. Wir verstehen kaum ein Wort, unterschreiben trotzdem die Papiere und sitzen kurz darauf in unserem Pick-up Richtung Torres del Paine. Dass wir dabei beinahe blindlings ein Fahrzeug übernehmen, erscheint uns im Nachhinein doch ziemlich fahrlässig. Schon auf dem Weg in den Torres del Paine wird klar, dass Patagonien uns weiterhin auf seine ganz eigene Art empfängt: Der Himmel hängt voller Wolken, die Berge verschwinden immer wieder im Nebel und der Wind treibt die Schneeflocken über die Strasse. Im Park angekommen, zeigt sich die Landschaft in kurzen Augenblicken von ihrer ganzen Schönheit. Türkisfarbene Seen, bizarre Felsformationen und hängende Gletscher tauchen zwischen den Wolken auf und verschwinden gleich darauf wieder. Besonders am Lago Pehoe halten wir immer wieder inne. Mit etwas Glück geben die Wolken den Blick auf die markanten Granitzinnen der Cuernos del Paine frei. Wir merken schnell: Hier bestimmt das Wetter unseren Rhythmus. Doch wir wollen mehr als nur durch den Park fahren und machen uns am dritten Tag zu Fuss auf den Weg zu den Torres. Eigentlich wollen wir nur ein Stück des Weges gehen. Doch der erhoffte Ausblick bleibt lange verborgen. Getrieben von der Hoffnung auf einen freien Blick zieht es uns immer weiter nach oben. Je höher wir kommen, desto steiler wird der Pfad. Der letzte Abschnitt führt über grosse Felsbrocken, an denen wir uns an Seilen nach oben ziehen, während der Wind so heftig bläst, dass die Schneeflocken vor unseren Augen aufwärts tanzen. Erst ganz oben werden wir belohnt: Die Wolken ziehen auf und geben die gewaltigen Granittürme frei. Majestätisch ragen sie vor uns auf, plötzlich zum Greifen nah. Für diesen Augenblick hat sich jeder Höhenmeter gelohnt. Wenig später schieben sich die Wolken wieder vor die Gipfel. Und so wird aus dem kurzen Abstecher eine achtstündige Wanderung – eine Strapaze, die sich mehr als lohnt.

Wir lassen Patagonien hinter uns und fliegen weiter nach Norden. Unter uns verändert sich die Landschaft allmählich: Aus dem rauen Bergland wird eine immer trockenere, kargere Welt. Vor uns liegt die Atacama – eine Landschaft aus Sand, Salz und Vulkangestein, die kaum gegensätzlicher zu Patagonien sein könnte. San Pedro de Atacama wird zum Ausgangspunkt für unsere Erkundungen. Schon bald zieht uns diese fremdartige Landschaft immer weiter hinaus. Die Wüste zeigt sich dabei keineswegs eintönig: Im Valle de la Luna leuchten bizarre Felsformationen in warmen Rottönen, während sich im Salar de Tara weisse Salzkrusten und die Laguna Verde mit ihren Flamingos vor uns ausbreiten. Dazwischen erheben sich mächtige Vulkane, deren Spitzen weit über die Hochebene hinausragen. Auf über 4000 Metern wird die Luft dünn und jede Bewegung anstrengend. Umso erstaunlicher ist es, hier Leben zu entdecken. Immer wieder begegnen uns Vikunjas, die zwischen den kargen Grasbüscheln nach Nahrung suchen. Flamingos stehen in den flachen Lagunen und ziehen ihre Kreise über dem Wasser. Je weiter wir in die Wüste vordringen, desto stärker fasziniert uns dieser scheinbare Gegensatz: eine Landschaft, die auf den ersten Blick vollkommen lebensfeindlich wirkt und doch voller Leben und überraschender Farben steckt. Es ist eine Welt voller Extreme – trocken, still und gleichzeitig von einer unglaublichen Schönheit. Immer wieder bleiben unsere Blicke an dieser endlosen Weite hängen, die sich bis zum Horizont erstreckt. Besonders eindrücklich sind die hoch gelegenen Lagunen Miñique und Miscanti. Tiefblau leuchten sie zwischen den kargen Hängen des Altiplano, eingerahmt von weissen Ufern und den mächtigen Kegeln der umliegenden Vulkane. Auf über 4000 Metern wirkt die Landschaft fast unwirklich. Und doch entdecken wir auch hier Leben: Zwischen den spärlichen Grasbüscheln grasen einige Vikunjas, als wäre diese unwirtliche Höhe ihr selbstverständlichster Lebensraum. Die Atacama zeigt uns eine völlig andere Form von Wildnis als Patagonien. Dort sind es Eis, Wind und gewaltige Berge, hier sind es Trockenheit, Weite und absolute Kargheit. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz dieser Reise aus.

Nach einem letzten kurzen Aufenthalt in Santiago treten wir die Heimreise an. Südamerika bleibt zurück – mit seiner Weite, seinen rauen Landschaften und einer Natur, die sich nicht einfach beschreiben lässt. Eine Reise, die uns immer wieder an unsere Grenzen bringt: sprachlich mit unseren bescheidenen Spanischkenntnissen, körperlich bei ungeplant langen Wanderungen ohne ausreichend Essen und Trinken und auf über 4000 Metern, wo uns die dünne Luft den Atem raubt. Und dann sind da die kleinen Begebenheiten, die uns noch heute zum Schmunzeln bringen – die Frau mit den Haarwicklern, die unseren Pick-up tankt, oder die schmale Brücke zu unserem Hotel im Torres del Paine, über die ich unseren Pick-up Millimeter für Millimeter steuere, während der Beifahrer sicherheitshalber aussteigt und gespannt verfolgt, ob es auf der anderen Seite noch genauso viel Fahrzeug wie Brücke gibt. Und trotz aller Strapazen, Widrigkeiten und kleinen Abenteuer würden wir keine davon missen wollen. Manche Reisen enden mit der Rückkehr nach Hause. Diese bleibt noch eine Weile im Kopf.

«Manchmal reicht ein einziger Augenblick, um einen langen Weg vergessen zu lassen.»

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In der Weite der Rockies