In der Weite der Rockies

August 2009

Manchmal beginnt eine Reise nicht mit einem Flugticket, sondern mit dem Gefühl, dass es Zeit ist, aufzubrechen. Eigentlich war in diesem Jahr eine weitere Safari ins Südliche Afrika geplant. Doch die Neugier auf ein neues Land wird immer grösser. Wir werfen unsere Pläne über Bord und machen uns stattdessen auf nach Kanada.

Nach einem Jahr ohne Urlaub ist die Sehnsucht nach dem Unterwegssein gross. Vancouver empfängt uns allerdings erst einmal mit Regen. Wir streifen durch Chinatown und Gastown, doch als es schliesslich in Strömen regnet, bleibt uns nur das Aquarium – und mit uns scheint sich halb Vancouver vor dem Dauerregen dorthin zu retten.

Auf Vancouver Island zeigt sich Kanada schon bald von einer ganz anderen Seite. Victoria bezaubert uns mit seinem britischen Charme, doch unser eigentliches Abenteuer beginnt draussen auf dem Pazifik. Unser kleines Boot schiesst über die Wellen, der Wind peitscht uns ins Gesicht. Gebannt halten wir Ausschau – und plötzlich sind sie da: Orcas! Immer wieder tauchen die mächtigen Tiere vor uns auf, zeigen für wenige Atemzüge ihre Rücken und verschwinden ebenso schnell wieder in den Tiefen des Pazifiks. Wir wissen nie, wo sie als Nächstes auftauchen. Einer kommt direkt auf unser Boot zu, gleitet unmittelbar vor uns an der Oberfläche entlang und verschwindet schliesslich unter uns. Wir können unser Glück kaum fassen. Nach all den vergeblichen Versuchen, Wale zu sehen, erleben wir diesen Moment nun aus nächster Nähe – wild, unmittelbar und vollkommen unvergesslich.

Die raue Pazifikküste führt uns weiter in eine völlig andere Welt. Im Pacific Rim Nationalpark wandern wir durch uralte, moosbewachsene Wälder, zwischen gewaltigen Baumstämmen und dichtem Grün. Am Long Beach liegen riesige Treibholzstämme übereinander, vom Meer angeschwemmt und von den Winterstürmen gezeichnet. Nebel zieht über den Strand, der Pazifik rauscht und der Regenwald reicht bis ans Wasser. Eine Landschaft wie aus einer anderen Welt.

Mit jedem Kilometer landeinwärts verändert sich das Bild. Die Wälder werden endlos, die Täler weiter und am Horizont wachsen die ersten mächtigen Gipfel in den Himmel. Die Wildnis lässt nicht lange auf sich warten. Eine Bärenmutter überquert mit ihren beiden Jungen die Strasse. Eines der Kleinen bleibt zurück. Statt seiner Mutter in den Wald zu folgen, klettert es auf eine hohe Tanne. Von dort ruft es immer wieder nach ihr und schaut zu uns hinüber. Wir stehen da, völlig gebannt. Der kleine Kerl sitzt hoch oben im Baum, seine Mutter längst ausser Sichtweite. Schliesslich fasst er seinen ganzen Mut zusammen und beginnt den Abstieg. Langsam, vorsichtig, Ast für Ast. Als er endlich wieder festen Boden unter den Pfoten hat und seiner Mutter in den Wald folgt, sind wir einfach nur glücklich. Es sind solche Augenblicke, die sich tief einprägen. Augenblicke, die kein Reiseplan vorsehen kann – und uns auf neue Ideen bringen. Ein zufällig entdeckter Hinweis genügt, und schon bauen wir einen weiteren Bärenausflug in unsere Reise ein. Tief hinein ins Bärenland fahren wir mit einem kleinen Boot. Die Ufer sind wild und menschenleer. Ein neugieriger Schwarzbär kommt unserem Boot bis auf wenige Meter nahe, bleibt stehen, schaut zu uns herüber und verschwindet wieder zwischen den Bäumen. Wenig später entdecken wir eine kräftige Bärin. Sie watet durch das seichte Wasser, sucht unermüdlich nach Nahrung und lässt sich von uns überhaupt nicht stören. Wir könnten ihr stundenlang zusehen.

Mit jedem Tag rücken die Rocky Mountains näher. Und als die ersten gewaltigen Gipfel unmittelbar vor uns aufragen, wird uns klar, dass die Reise nun noch einmal eine ganz andere Dimension bekommt. Rund um Jasper türmen sich die Berge auf, Gletscher schmiegen sich an ihre Flanken und zwischen den dunklen Wäldern leuchten Seen in Farben, die fast unwirklich erscheinen. Wir wandern durch blühende Bergwiesen, vorbei an glasklaren Gewässern und immer näher an das ewige Eis. Am Mount Edith Cavell treiben kleine Eisschollen auf einem stillen Gletschersee. Die Luft ist kühl und klar, ringsum herrscht eine fast unwirkliche Ruhe. Diese Ruhe begleitet uns bis zum Maligne Lake. Wir gleiten über das türkisfarbene Wasser, dunkle Nadelwälder säumen die Ufer, dahinter ragen die Berge in den Himmel. Im letzten Licht des Tages erscheint Spirit Island vor uns. Klein und still liegt sie mitten in dieser gewaltigen Landschaft. Das Wasser ist spiegelglatt, die Gipfel leuchten im Abendlicht und für einen Moment scheint die Welt den Atem anzuhalten. Wir möchten einfach nur hierbleiben. Doch viel zu schnell dreht das Boot wieder um.

Was nun folgt, ist eine der eindrucksvollsten Strassen der Welt: der Icefield Parkway. Hinter jeder Kurve öffnet sich ein neues Panorama. Gletscher hängen an den Berghängen, Flüsse ziehen sich wie silberne Bänder durch die Täler und immer wieder liegen Seen vor uns, deren Farben uns sprachlos machen. Besonders der Peyto Lake lässt uns innehalten. Hoch über dem See eröffnet sich der Blick auf dieses unglaubliche Türkis, eingebettet in dunkle Wälder und umrahmt von mächtigen Bergen. Das Wasser leuchtet so intensiv, dass wir kaum glauben können, dass diese Farbe echt ist. Wir stehen einfach da und schauen. Es gibt Momente, in denen ein Foto niemals ausreichen wird. Der Peyto Lake ist einer davon. Auch Bow Lake und Lake Hector ziehen uns in ihren Bann. Am Columbia Icefield mischt sich jedoch in die Faszination ein leiser Schatten. Vor uns liegt der Athabasca-Gletscher, gewaltig und beeindruckend – und gleichzeitig sichtbar auf dem Rückzug. Wo heute noch Eis liegt, reichte die Gletscherzunge vor wenigen Jahrzehnten deutlich weiter ins Tal. Die Landschaft ist mächtig. Und doch nicht unverwundbar. Wir können nicht genug bekommen von dieser Bergwelt. Deshalb fahren wir noch einmal zurück, um die Seen in einem anderen Licht zu erleben. Auf dem Parker Ridge Trail steigen wir hinauf und blicken weit über das Tal auf den Saskatchewan Glacier. Der Wind pfeift über den Bergkamm, die Luft ist eisig und klar. Unter uns liegt eine Welt aus Fels, Eis und Wasser. Wir fühlen uns winzig. Und gleichzeitig unglaublich privilegiert, hier stehen zu dürfen.

Moraine Lake und Lake Louise setzen weitere Farbakzente. Das Wasser schimmert in den unterschiedlichsten Blau- und Grüntönen, Gletscher spiegeln sich in der Oberfläche und ringsum ragen die Gipfel in den Himmel. Auf dem Weg zum Plain of the Six Glaciers durchbricht plötzlich ein tiefes Grollen die Stille. Irgendwo oben bricht Eis vom Gletscher ab. Wir bleiben stehen und lauschen. Hier ist die Natur keine Kulisse. Sie lebt. Sie bewegt sich. Sie spricht mit uns.

Selbst der Abschied von den Bergen fällt uns nicht leicht. Ein Wapiti steht am Strassenrand und bringt den Verkehr zum Stillstand. Wir steigen aus, beobachten den mächtigen Hirsch und müssen schmunzeln. Noch einmal zeigt uns die Wildnis, dass sie hier das Tempo vorgibt. Allmählich werden die Berge kleiner. Die weiten Wälder und Gipfel bleiben hinter uns zurück, die Landschaft öffnet sich und vor uns liegt die Prärie. Calgary kommt näher.

Wir nehmen Abschied von Kanada mit Bildern im Kopf, die kaum grösser sein könnten: Orcas, die lautlos durch den Pazifik gleiten. Ein kleiner Bär, der mutig von einer Tanne klettert. Schwarzbären, die unbeirrt ihrem Alltag nachgehen. Türkisfarbene Seen, uralte Wälder und Gletscher, die im Licht der Sonne leuchten. Doch am stärksten bleibt dieses Gefühl, das uns die Rocky Mountains schenken: Staunen. Über eine Natur, die so gewaltig ist, dass wir uns darin für einen Moment ganz klein fühlen – und gleichzeitig so reich, dass wir nichts anderes brauchen als diesen Augenblick.

«Manche Reisen führen uns an Orte, die wir nie vergessen. Andere lassen uns für einen Moment vergessen, wo wir sind.»

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Am Ende der Welt – zwischen Wüstenzauber & Eiskristallen