Hartnäckiger Wegbegleiter
Madeira lässt sich nicht planen. Zu wechselhaft das Wetter, zu unberechenbar das Licht. Und genau das macht es so schwierig – und irgendwann so besonders. Wir kommen an – und wissen bereits: Hier entscheidet nicht der Ort, sondern das Licht.
Schon bei der Ankunft wird klar, dass hier nichts gewöhnlich ist. Die Landung auf der ins Meer gebauten Piste bei Santa Cruz, direkt am Hang gelegen, ist spektakulär – und endet nicht selten mit Applaus. Wie die Landepiste selbst wartet draussen eine Landschaft, die sich nicht auf Knopfdruck erschliesst.
Juni 2022
Unsere erste Reise führt uns nach Caniçal und später nach São Vicente. Zwei Standorte, die uns die Insel aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zeigen. Caniçal, ideal gelegen für die raue São Lourenço Halbinsel. Karg, windgepeitscht, reduziert auf Formen und Linien. Die Szenerie stimmt – doch das Licht fehlt. Dichte Wolken werden zu einem hartnäckigen Wegbegleiter. Die ersehnten Farben bleiben aus.
Also ziehen wir weiter. Wir lernen umzudenken. Fanal empfängt uns im Nebel – und wird zum Inbegriff dessen, was wir suchen. Wenigstens auf ihn ist Verlass. Die alten Lorbeerbäume, vom Wind gezeichnet, wirken wie lebendige Skulpturen. Feuchtigkeit liegt in der Luft, Tropfen sammeln sich auf der Linse. Mit jedem Schritt entsteht ein neues Bild. Und genau hier entstehen die Aufnahmen, die bleiben – leise, reduziert, voller Atmosphäre.
Auch an der Nordküste, bei Ribeira da Janela, bleibt das Warten Teil des Prozesses. Die Felsen im Meer sind eindrücklich, doch das Licht zeigt sich selten so, wie wir es uns wünschen. Also suchen wir es weiter oben. Kurve um Kurve kämpfen wir uns durch dichten Nebel hinauf, bis wir ihn plötzlich durchbrechen. Über uns die Sonne, unter uns ein Meer aus Wolken. Der Himmel beginnt zu glühen, die Gipfel des Pico do Arieiro heben sich klar im ersten Licht ab. Und dann ist er da: dieser eine Moment. Zwischen Licht und Wolken. Still. Kurz. Unvergesslich.
Mai 2026
Vier Jahre später sind wir zurück. Unser AirBnB liegt diesmal in Funchal. Es gibt uns die Flexibilität, je nach Bedingungen spontan in den Osten oder Westen aufzubrechen – auch wenn die Anfahrtswege entsprechend länger sind.
Wir bleiben unserem Rhythmus treu: früh aufstehen, lange bleiben. Und diesmal spielt das Wetter häufiger mit. Die Morgenstunden bringen Struktur in den Himmel – Wolken, die sich formen, manchmal ein feines Morgenrot. Genau die Bedingungen, auf die wir warten. Fanal zeigt sich erneut von zwei Seiten. Nebel – vertraut und zuverlässig. Und dann Sonne – klar, fast ungewohnt. Wir arbeiten mit dem Licht, suchen Perspektiven, versuchen uns an Sonnensternen. Es braucht Geduld, Präzision, Timing. Nicht alles gelingt – aber das gehört dazu.
Was sich verändert hat: die Insel ist voller geworden. Tagsüber sind viele Orte überlaufen, besonders Fanal. Ein Ticketsystem soll lenken – ob es wirkt, bleibt offen. Unser Rhythmus bleibt derselbe – und mit ihm kommt die Ruhe. Früh am Morgen und spät am Abend gehört die Insel fast wieder uns. Wir richten alles auf diese kurzen Zeitfenster aus. Auf den Moment, in dem Licht, Landschaft und Timing zusammenfinden. Auf den einen Sonnenaufgang, der bleibt. Und manchmal ist genau er es, der die ganze Reise rechtfertigt.
„Für einen Moment passt alles – und genau dafür sind wir hier.“