Wenn die Wildnis ihre eigenen Wege geht

Oktober 2026


Manchmal sind es die Reisen, auf die man sich besonders lange freut, die am Ende eine ganz eigene Geschichte schreiben. Eineinhalb Jahre im Voraus buchen wir unseren Aufenthalt im Old Mondoro Camp. Unsere fotografischen Wünsche sind klar: die eindrücklichen Winterthorn-Wälder, Elefanten zwischen den weit ausladenden Baumkronen und das warme, goldene Licht, das durch das Blätterdach fällt. Und natürlich hoffen wir auf Leoparden, für die der Lower Zambezi bekannt ist.

Gleich am ersten Morgen erleben wir eine aufregende Szene. Im ersten Licht entdecken wir ein Leopardenweibchen am Boden. Ein Rascheln in den Ästen verrät ein junges Männchen. Als beide ins hohe Gras wechseln, wird ein Rudel von acht Löwen auf sie aufmerksam. Im letzten Moment retten sich die Leoparden auf zwei separate Bäume. Die Löwen lassen sich direkt darunter nieder – als hätten sie beschlossen, die Leoparden einfach auszusitzen. Offenbar haben sie alle Zeit der Welt. Während das Weibchen gelassen bleibt, wird das junge Männchen zunehmend nervös. Zwei Fluchtversuche enden beinahe in den Fängen der Löwen. Nur knapp entkommt es ihnen. Zwei Leoparden und ein ganzes Löwenrudel in unmittelbarer Nähe zueinander zu erleben, ist aussergewöhnlich. Auch ohne die erhofften Bilder bleibt diese Szene nachhaltig in Erinnerung.

In den folgenden Tagen sehen wir das Rudel immer wieder. Anders als bei ausgewachsenen Löwen sonst häufig zu beobachten, sind die Tiere erstaunlich aktiv und bieten uns abwechslungsreiche Motive. Im Laufe der Zeit erfahren wir mehr über die besondere Konstellation innerhalb des Rudels. Zwei Löwinnen haben gemeinsam fünf etwa vier bis fünf Monate alte Junge. Mit ihrem Nachwuchs halten sie sich nicht ständig beim achtköpfigen Rudel auf. Drei neue Männchen sind zugezogen und bringen die bestehende Ordnung durcheinander. Da von ihnen eine Gefahr für die Jungen ausgehen könnte, gehen ihnen sowohl das Rudel als auch die beiden Mütter mit ihrem Nachwuchs möglichst aus dem Weg. Die Unruhe wirkt sich auch auf andere Raubtiere im Gebiet aus – auf Leoparden und Wildhunde.

Unsere erste Begegnung mit den Kleinen ist nur von kurzer Dauer. Mit ihren runden Bäuchlein stolzieren die fünf vor den Müttern durch den Busch. Später treffen wir sie nochmals im Flussbett und in der offenen Ebene. Ein sichtlich ungehaltener Elefant scheucht die kleine Gesellschaft auf. Die Jungen behalten den grossen grauen Nachbarn aufmerksam im Blick. Und dann entsteht dieser besondere Augenblick: Die fünf versammeln sich dicht beieinander, während eine Mutter aufmerksam dahintersteht. Ein Familienporträt voller Charme.

Doch es sind nicht allein die Tiere, die uns in den Lower Zambezi ziehen. Die Winterthorn-Wälder gehören zu den Hauptgründen für diese Reise. Ihre mächtigen Stämme und weit ausladenden Kronen prägen die Landschaft. Am Vormittag und späteren Nachmittag, wenn die Sonne tiefer steht, legt sich ein feiner, bläulicher Dunst zwischen die Bäume. Die Stämme verschwimmen in der Ferne, geschwungene Äste zeichnen sich im sanften Licht ab. Licht und Schatten fliessen ineinander, die Konturen werden weich und die einzelnen Bäume scheinen miteinander zu verschmelzen. Der Wald strahlt eine geheimnisvolle Ruhe aus und entfaltet eine stille, beinahe meditative Schönheit. Es ist diese einzigartige Stimmung, die uns immer wieder innehalten lässt. Auch fotografisch eröffnen sich uns hier ganz eigene Möglichkeiten. Uns faszinieren die verschlungenen Baumkronen und die charakteristischen Bögen der Äste. Elefanten fügen sich mit ihrer imposanten Erscheinung wunderbar in diese Szenerie ein. Wasserböcke und Impalas tauchen zwischen den Bäumen auf, Büffel ziehen durch den Wald und gelegentlich zeigen sich Paviane.

Diesen Blick für das Ganze nehmen wir auch bei anderen Tierbeobachtungen mit. Bei Löwen und anderen Wildtieren lassen wir auf dieser Reise häufiger etwas mehr Raum im Bild. Wir lösen uns vom formatfüllenden Tierporträt und beziehen die Landschaft und das Geschehen rundherum ein. So erzählen unsere Aufnahmen nicht nur von den Tieren selbst, sondern auch von ihrem Lebensraum und dem Geschehen, das sich darin abspielt. Die Umgebung gibt den Motiven einen Rahmen und lässt sie eine umfassendere Geschichte erzählen.

Wie eindrücklich diese Bildsprache sein kann, zeigt eine besonders stimmungsvolle Szene: Eine kleine Elefantenherde zieht am Rand der Winterthorn-Bäume vorbei. Mit jedem Schritt wirbelt sie Staub auf, der im warmen Gegenlicht beinahe zu glühen scheint. Ein goldener Schleier legt sich über die Szenerie, während die Elefanten als dunkle Silhouetten durch das Licht ziehen. Für einen kurzen Moment verschmelzen Staub, Licht und die mächtigen Bäume zu einem Bild voller Wärme und Magie – anders als erhofft, und doch auf seine ganz eigene Weise zauberhaft.

Die Bedingungen sind anspruchsvoll: Temperaturen von bis zu 45 Grad, unzählige Tsetsefliegen und lange «Drives» durch den Busch, auf denen wir oft stundenlang kaum Wildtiere entdecken. Unser Guide erlebt eine derart geringe Aktivität im Lower Zambezi zum ersten Mal. Gerade Leoparden sind normalerweise ein sicherer Wert. Hinzu kommt, dass sich andere Fahrzeuge bei den wenigen Raubtiersichtungen oft ungünstig positionieren und unsere fotografischen Möglichkeiten zusätzlich einschränken. An unserem Guide liegt es nicht. Er kennt das Gebiet bestens und versteht es, das Fahrzeug mit viel Gespür für die Fotografie zu positionieren.

Natürlich hätten wir uns manche Begegnung und manche fotografische Möglichkeit anders gewünscht. Doch wir können selbst entscheiden, worauf wir unseren Blick richten. Statt dem Unerfüllten hinterherzujagen, möchten wir die besonderen Begegnungen, die Schönheit der Landschaft und jene flüchtigen Augenblicke bewusst wahrnehmen, auskosten und ihnen den Platz geben, den sie verdienen. Denn auch wenn nicht alles so kommt, wie wir es uns wünschen, bleibt so viel Schönes, das diese Reise für uns bereithält. Die Erlebnisse mit den Löwen und ihren Jungen, die geheimnisvolle Stimmung in den Winterthorn-Wäldern und die Elefanten, die durch den goldenen Schleier aus Staub und Licht ziehen, prägen diese Reise auf ihre eigene Weise.

«Was die Natur uns schenkt, liegt nicht in unserer Hand. Wie wir diesen Augenblicken begegnen und was wir aus ihnen mitnehmen, hingegen schon.»

PS: Fotos werden laufend ergänzt.

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