Kleine Schritte ins grosse Leben
September & Dezember 2023
Auf dieser Safari betreten wir einmal mehr Neuland. Wir tauschen Löwen gegen Tiger aus, Nationalpark gegen Schutzgebiet und Savanne gegen Canyon. Und doch fühlt sich alles vertraut an. Der warme, unverkennbare Duft Afrikas weckt augenblicklich Erinnerungen – und die leise Sehnsucht nach neuen Begegnungen mit wilden Tieren. Schon auf der Fahrt vom Flughafen ins Schutzgebiet breitet sich dieses Gefühl in mir aus: Geborgenheit und Glück – und eine kribbelnde Vorfreude. Wir passieren das letzte Dorf mit 950 Einwohnern und folgen den braun-orangen Schildern mit der Aufschrift «Tiger Canyon» über eine holprige Schotterpiste, die uns weitere 50 Minuten ins Nirgendwo führt. Eines werden wir hier ganz bestimmt finden: Ruhe. Einsamkeit. Und wilde Tiere. Weit entfernt von der Zivilisation, eingebettet in die Weiten der Karoo, liegt der «Tiger Canyon» - ein 61'000 Hektar grossen Schutzgebiet mit nur einer Lodge und drei Gästezimmern. Nach insgesamt 18 Stunden Reisezeit erreichen wir unser Ziel. Und stehen gleichzeitig am Anfang unseres Abenteuers.
In den kommenden Tagen begegnen wir auf unseren Pirschfahrten täglich mehreren Tigern. Unser Guide scheint über einen sechsten Sinn zu verfügen – Sichtungen sind beinahe garantiert. Der Tiger ist stark bedroht, und vielerorts in Asien wird mit grossem Einsatz darum gekämpft, seinen Bestand zu sichern. Umso besonderer ist es, diese Tiere hier unter solchen Bedingungen beobachten zu dürfen. Der «Tiger Canyon» in Südafrika ist ein aussergewöhnliches Schutzprojekt: Tiger streifen in einer eindrücklichen Landschaft frei umher, fernab von Massentourismus und ohne Bedrängnis. Für uns bedeutet das nicht nur intensive Begegnungen, sondern auch die seltene Möglichkeit, diese faszinierenden Raubtiere in aller Ruhe zu fotografieren.
Unser erster Besuch fällt in den September. Eigentlich kündigt sich der Frühling an, doch das Wetter hat andere Pläne. Eine Kaltfront empfängt uns mit eisigen Minustemperaturen. In sieben Schichten, mit Mütze, Leggins und Outdoorhose, stellen wir uns der Kälte – wissend, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie durch jede Faser kriecht. Den Tigern scheint das wenig auszumachen. Sie bewegen sich durch die Landschaft, als wäre nichts geschehen. Die Strapazen sind ohnehin schnell vergessen, als wir drei erst zwei Monate alte Tigerbabys entdecken. Ein Moment, der alles überstrahlt. Noch sind sie scheu, verschwinden immer wieder im Dickicht oder hinter ihrer Mutter. Geduld wird zur Voraussetzung – und zur Belohnung. Denn immer wieder schenken sie uns für wenige Sekunden freie Sicht. Mit der Zeit wächst das Vertrauen, und auch die Tigermutter zeigt sich von einer erstaunlich sanften, fürsorglichen Seite.
Zurück in der Lodge erwartet uns eine kleine, stille Freude. Beim Betreten unseres Zimmers knistert bereits ein Feuer im Kamin. Die Wärme breitet sich aus, weich und einhüllend, und setzt sich mitten ins Herz – wie ein samtweiches Tier, das leise zu schnurren beginnt. Auch wenn sich die Kälte nachts wieder zurückschleicht, bleibt sie für eine Weile draussen.
Doch noch lange nicht genug. Die aride Landschaft des Karoo übertrifft sich einmal mehr selbst: Vor der nächsten Kaltfront entstehen dramatische Wolkenformationen, die das Licht in etwas fast Unwirkliches verwandeln. Klare Luft, durchbrochene Sonnenstrahlen, ein Himmel voller Bewegung – und mittendrin die Tiger. Szenen wie aus einem Bilderbuch.
Am Abend sitzen wir in der Lodge, ein Glas Amarula in der Hand, und lassen die Erlebnisse nachklingen. Die Weite Afrikas bleibt ein Sehnsuchtsort. Und vielleicht sind es genau diese Orte, die eine leise Einladung in sich tragen, der man sich nur schwer entziehen kann.
Denn nur drei Monate später sind wir – zu unserer eigenen Überraschung – bereits wieder zurück im «Tiger Canyon». Die Begegnung mit den Tigerbabys hat Spuren hinterlassen. Wir waren verliebt in diese kleinen Persönlichkeiten auf vier Pfoten – und wollten sehen, wie sie sich entwickeln. Und sie haben sich entwickelt. Die kleine Rasselbande ist deutlich gewachsen, kräftiger geworden – und vor allem mutiger. In der Nähe ihrer Mutter beginnen sie, ihre Welt immer selbstverständlicher zu erkunden. Sie streifen durch das Gras, spielen ausgelassen miteinander, jagen einander, als gäbe es nichts Wichtigeres. Zwischen Neugier und Vorsicht tasten sich die Kleinen in ihre Welt hinaus. Mal wirken ihre Bewegungen erstaunlich sicher, fast schon elegant – im nächsten Moment stolpern sie wieder, verlieren kurz das Gleichgewicht und finden doch zurück in ihre Spur. Sie folgen ihren Impulsen, klettern auf Felsen, verweilen, schauen – als würden sie die Landschaft Stück für Stück begreifen wollen. Jeder Schritt ist ein Versuch, jede Bewegung ein leises Lernen.
Und dann gibt es diese kurzen Momente, in denen alles zusammenkommt: ein gelungener Sprung, ein sicherer Stand, ein wacher Blick ins Licht. Augenblicke, die wir im richtigen Moment festhalten dürfen – und die nicht nur auf den Bildern, sondern auch in uns nachwirken.
Am letzten vollen Tag erleben wir schliesslich einen besonderen Moment: Die Tigermutter zieht mit ihren Jungen weiter hinaus, Schritt für Schritt hinein in die Weite. Die Kleinen folgen – mal vorneweg, getragen von Neugier, mal kurz innehaltend, den Blick suchend zurück zur Mutter. Noch ist vieles unsicher, manches wirkt tastend und vorsichtig. Und doch schwingt in ihren Bewegungen bereits etwas mit, das bleiben wird. Wir sitzen im Fahrzeug und begleiten sie mit unseren Blicken. Die Kameras heben sich fast von selbst, suchen nach Linien, nach Licht, nach diesen flüchtigen Augenblicken, die sich kaum greifen lassen – und sich doch manchmal zeigen. Ein Schritt im richtigen Moment. Ein flüchtiger Blick in unsere Richtung. Und für einen Augenblick fügt sich alles ganz still. Ein leises Klicken – und wir lassen ihn weiterziehen.
„Das Auge vergisst nie, was das Herz gesehen hat.“
(Afrikanisches Sprichwort)