Wenn Löwen schwimmen - und alles wird still
Oktober 2022
Nach neun Jahren Pause kehren wir zurück nach Botswana – in jenes wunderbare Naturparadies, in dem für uns alles begann. Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug in Maun liegt dieser unverwechselbare Duft in der Luft, und mit ihm kehrt alles zurück: die Vorfreude, die Erinnerungen, dieses vertraute Gefühl von Weite und Freiheit. Lächelnde Gesichter empfangen uns – und ich weiss sofort: Ich bin wieder hier. In Afrika. Doch der Busch ist noch einen Flug entfernt – und der hat es in sich.
Hoch über dem Okavango Delta sitze ich im kleinen Propellerflugzeug und versuche, mich auf den Blick nach draussen zu konzentrieren. Der Flieger vibriert, sackt immer wieder ab, die Zeit scheint stillzustehen. Meine Hände klammern sich an die Lehne, mein Magen rebelliert. Warum tue ich mir das an? Ich zwinge mich, nach draussen zu schauen. Unter uns liegt das Delta – ein Geflecht aus Wasser und Land, das sich ständig verändert. Ein einzigartiger Anblick. Und doch kann ich ihn in diesem Moment kaum geniessen. Erst als die schmale Landebahn mitten im Nirgendwo auftaucht und wir aufsetzen, fällt die Anspannung langsam von mir ab. Mit einem Mal ist sie da, diese Ruhe – und das Gefühl, angekommen zu sein. Hier draussen beginnt sie: unsere Safari.
Das Kwara Camp liegt ruhig und abgelegen an einer Lagune, mitten in unberührter Natur. Unsere Erwartungen sind hoch – vielleicht sogar zu hoch. Wir hoffen auf grosse Herden, auf die Fülle, die wir von früher kennen. Doch die Realität zeigt sich anders. Die Tierbeobachtungen sind seltener, oft bleiben es einzelne Begegnungen. Nach einigen Tagen beginnen wir zu zweifeln, spielen kurz mit dem Gedanken, unseren Aufenthalt in Kwara zu verkürzen. Doch wir entscheiden uns dagegen. Bleiben. Warten. Vertrauen darauf, dass der Busch seine eigenen Geschichten schreibt.
Und tatsächlich: Immer wieder gibt es diese einzelnen, besonderen Begegnungen. Einmal folgen wir einem Löwenmännchen über Kilometer hinweg auf seinem Patrouillengang, beobachten, wie es ruhig und konzentriert durch sein Revier zieht, bis es sich schliesslich im Schatten niederlässt. Auch ein Rudel Wildhunde kreuzt unseren Weg. Ihre Dynamik bringt Bewegung in die ruhigen Tage und sorgt für Momente voller Spannung. Und doch bleibt vieles ruhig, fast unspektakulär. Am letzten Morgen lasse ich mich dann doch noch zu einer Bootsfahrt überreden. In Gedanken stelle ich mich auf einen ruhigen Abschluss ein. Ich sitze im Boot, lasse den Blick über das Wasser gleiten, beobachte Vögel am Ufer und geniesse die Stille. Bis ich sie entdecke. Drei Löwen sitzen am Ufer. Mit einem kurzen Blick zum Guide und einem leisen Handzeichen steuern wir auf die gegenüberliegende Seite. Die Kameras sind bereit, wir versuchen, diesen Moment festzuhalten. Schliesslich setzt die Löwin die erste Pfote ins Wasser. Zögernd tastet sie sich vor, prüft die Tiefe. Noch ein Schritt. Dann verliert sie den Boden unter den Füssen – und beginnt zu schwimmen. Die beiden Männchen folgen. Ihre Bewegungen wirken schwerer, angespannter, fast widerwillig. Und doch folgen sie ihr entschlossen durch das Wasser. Dann verändert sich etwas. Kaum sichtbar – und doch sofort spürbar. Die Löwen werden schneller. Zielstrebiger. Wenige Sekunden später erreichen sie das Ufer, ziehen sich aus dem Wasser und verschwinden im dichten Busch. Zurück bleiben wir – still, sprachlos, und mit der leisen Gewissheit, gerade pures Glück erlebt zu haben.
Ein weiterer Flug bringt uns ins Linyanti-Gebiet. Schon beim Landeanflug eröffnet sich ein beeindruckendes Bild: Hunderte Elefanten bewegen sich durch das Feuchtgebiet – selbst für unseren Piloten kein alltäglicher Anblick. Im Lebala-Gebiet dominieren erneut die Löwen das Geschehen. Tag für Tag begegnen wir ihnen, angelockt von einem verendeten Elefanten in der Nähe des Camps. Doch die eigentlichen Überraschungen warten an ganz anderen Stellen. Plötzlich springt direkt neben uns ein Tier auf. Für einen Moment schrecke ich zusammen – dann weicht die Überraschung purer Freude. Ein Erdwolf. Nur wenige Sekunden bleibt er sichtbar, dann verschwindet er wieder im Busch. Doch dieser flüchtige Augenblick reicht aus, um sich tief einzuprägen.
Im Lagoon Camp setzen wir auf Geduld. Leoparden stehen ganz oben auf unserer Wunschliste. Tag für Tag hoffen wir auf diese eine besondere Sichtung, folgen Spuren, verlieren sie, finden sie wieder – und wissen doch, dass sich hier nichts erzwingen lässt. Dann, nach langer Suche, werden wir belohnt. Zwei Leoparden. Und doch hält Botswana noch mehr für uns bereit. In den Tagen zuvor hatten wir immer wieder gehofft – und oft vergeblich gesucht. Besonders ein nasser Nachmittag bleibt uns in Erinnerung: Der Regen hatte aufgehört, doch der Busch wirkte wie leergefegt. Vier Stunden lang fahren wir umher, sehen kaum etwas. Als es längst dunkel ist und wir uns eigentlich schon mit diesem erfolglosen Nachmittag abgefunden haben, erreichen wir die letzte Kurve vor dem Camp. Plötzlich taucht im Scheinwerferlicht eine eigenartige Gestalt auf. „Was ist das?“, flüstern wir. „Ein Erdferkel“, antwortet der Guide – hörbar aufgeregt. Ein Erdferkel. Wir sitzen im Jeep, fast regungslos, und werden zugleich nervös, weil dieser Moment so aussergewöhnlich ist – und versuchen, ihn für immer fotografisch festzuhalten.
Diese Reise war anders, als wir erwartet hatten. Weniger grosse Herden. Mehr Stunden, in denen der Busch still blieb. Dafür diese leisen, seltenen Momente – Begegnungen, die nicht planbar sind und gerade deshalb so lange nachhallen. Botswana hat uns auf seine eigene Weise beschenkt – mit Augenblicken, die wir so nie erwartet hätten. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum wir immer wieder zurückkehren.
«Am Ende sind es nicht die vielen Sichtungen, die zählen – sondern die einen, die alles verändern.»
PS: Fotos werden laufend ergänzt