Im Königreich des Jaguars
Manchmal trägt die Sehnsucht uns weit über Kontinente hinweg, hinaus in eine Welt, die noch unberührt und wild ist. Nach vielen Fotosafaris in Afrika ist für uns klar, dass eine Reise zu den Jaguaren im Pantanal nicht fehlen darf. Die Sehnsucht, diese geheimnisvollen Grosskatzen in ihrer eigenen Welt zu erleben, ist zu gross, um sie zu ignorieren. Wir kombinieren dieses Abenteuer mit den imposanten Iguazú-Wasserfällen – ein perfekter Auftakt: ein nasses, donnerndes Erlebnis, mitten in den tosenden Wassermassen, umhüllt von Gischt und dem tiefen, unaufhörlichen Dröhnen des Flusses, das wie das Pulsieren eines lebendigen Herzens wirkt.
Unsere Reise beginnt in einer warmen Spätsommernacht in Zürich. Über São Paulo erreichen wir Foz do Iguazú, und schon kurz nach der Ankunft spüren wir, dass diese Reise anders wird als viele zuvor. Wir wohnen im Belmond Hotel das Cataratas, nur wenige Schritte von den Wasserfällen entfernt – ein Ort, der uns erlaubt, dieses Naturwunder fast in aller Ruhe zu erleben, bevor die ersten Besucher eintreffen. Je näher wir den Fällen kommen, desto mächtiger wird ihr Donner, ein alles durchdringender Klangteppich, der tief in die Brust dringt. Der Himmel ist grau, die Luft schwer von Feuchtigkeit, und gerade dieses Wetter verleiht der Szenerie eine geheimnisvolle, dramatische Intensität. «Iguazú» – «grosses Wasser» – ist kein Name, sondern ein Versprechen. Am Steg beim Santa-Maria-Wasserfall stehen wir mitten im Fluss, umgeben von sprühender Gischt, während die unendliche Kette der Wasserfälle vor uns explodiert, bis hin zum Teufelsschlund, der wie ein sich atmend öffnender Abgrund wirkt. Wir wechseln auf die argentinische Seite. Dort sind die Wege länger, die Menschen zahlreicher, und die Nähe zum Abgrund unmittelbarer. Der Blick direkt in die Schlucht wirkt wild und ungezähmt. Doch unser Herz bleibt auf der brasilianischen Seite – vielleicht, weil man dort das Panorama, die gewaltige Inszenierung der Natur, als Ganzes erfasst.
Mit dem Flug nach Cuiabá ändert sich die Welt schlagartig. Die drückende Hitze in Foz do Iguazú lassen wir hinter uns, und nach der Landung in Cuiabá treffen wir unseren Guide, der uns für die erste Nacht nach Poconé bringt. Dort angekommen, beziehen wir eine einfache Unterkunft. Es ist Abend, und die Hitze des Tages lässt nach, die Luft ist angenehm abgekühlt, doch noch immer schwer und feucht – ein Vorgeschmack auf die Intensität des Pantanal, die uns in den nächsten Tagen erwartet. Am nächsten Morgen beginnt die Fahrt auf der Transpantaneira – eine Strasse, die mehr Versprechen als Weg ist. Die vielen Holzbrücken, die hier in der Regenzeit die hohen Wasserstände und Senken überbrücken, sind teilweise wirklich ziemlich abenteuerlich und werden immer schlechter, je weiter wir ins nördliche Pantanal vordringen. Lose Bretter, grosse Löcher, viel Nichts drum herum und morsches Holz beschreiben die «Konstruktionen» wohl am besten. Es ist ein langsames Vorantasten in eine Landschaft, die sich immer weiter öffnet und zugleich wilder wird.
Am Ende der Transpantaneira, in Porto Jofre, beginnt unser eigentliches Abenteuer. Früh am Morgen steigen wir in unser kleines Aluminiumboot, das uns zügig in den Bereich der Mündung der Flüsse Rio Tres Irmãos, Rio São Lourenço und Rio Piquiri bringt – das beste Beobachtungsgebiet für Jaguare im Pantanal. Von hier aus gleiten wir langsamer am Flussufer entlang, halten Ausschau nach den Grosskatzen im Schatten der Bäume. Die Sonne brennt, die Luft summt von unzähligen Insekten. Stundenlang gleiten wir über stille Wasserarme, warten, beobachten und lassen die Welt wie in Zeitlupe auf uns wirken. Und dann, plötzlich, sind sie da: Jaguare. Lautlos, kraftvoll, vollkommen in ihrer Welt. Besonders eindrücklich sind die Begegnungen im Wasser. Die Tiere gleiten durch die Flüsse wie flüssige Schatten, lassen sich treiben, tauchen auf und verschwinden wieder, als wären sie selbst die Strömung – lebendig, elegant und unnahbar. Ein Moment brennt sich besonders tief ein: Ein Funkspruch erreicht uns, und wir setzen das Boot in Bewegung. Mit vollem Speed rasen wir um die zahlreichen Kurven, die sich in unzähligen grossen und kleinen Bögen durch die Landschaft winden. Das Wasser spritzt, die Sonne brennt auf uns herab, und das Herz schlägt schneller. Wir entdecken eine Jaguardame in einem schmalen Seitenarm. Ihren Kill haben wir knapp verpasst, doch wir können beobachten, wie sie den toten Kaiman mit blutverschmiertem Gesicht und mit unglaublichem Kraftaufwand die Uferböschung hinaufzieht. Sie frisst nicht, sondern verlässt den Ort und lässt sich flussabwärts treiben, wachsam, suchend, jede Bewegung ein Tanz mit dem Wasser. Ohne den Motor zu starten, lassen auch wir uns treiben und folgen ihr lautlos. Die Zeit scheint stillzustehen. Später entdecken wir einen zweiten Jaguar. Sie bewegt sich konzentriert durch flaches Wasser, den Blick durch die Wasserhyazinthen gerichtet, jede Muskelfaser gespannt. Doch das Pantanal gehört nicht nur den Jaguaren: Riesenotter begleiten uns mit verspielter Neugier, tauchen auf und verschwinden wieder, Capybaras beobachten uns ruhig, und über allem kreisen bunte Vögel am Himmel.
Auf dem Weg von Porto Jofre zur Pousada Rio Claro geschieht schliesslich etwas, das ich nie vergesse. Auf der staubigen Transpantaneira entdeckt unser Guide eine Anakonda, springt aus dem Fahrzeug und packt sie am Schwanz. Zögernd nehme ich all meinen Mut zusammen und halte sie selbst. Die Haut ist warm, glatt, fast sanft – und darunter spüre ich die geballte Kraft ihrer Muskeln. Ein Moment zwischen Faszination und Ehrfurcht, der sich tief einprägt.
In der Pousada Rio Claro hoffen wir auf einen Tapir, doch stattdessen begegnen wir einem Nasenbären, der uns tiefer in den Wald führt. Wir folgen ihm vorsichtig zu Fuss, bis er sich niederlässt und einschläft. Bis auf wenige Meter können wir uns nähern, während er ruhig atmet, völlig ungestört. Ein leiser, fast intimer Moment. Ein weiteres Schauspiel bietet sich uns bei der Jagd von Eisvögeln und Bussarde. Ihre Sturzflüge sind so schnell, so präzise, dass das Auge kaum folgen kann – und die Kamera erst recht nicht.
Diese Reise ist kein komfortables Abenteuer. Sie ist heiss, intensiv, manchmal fordernd, voller Geduld und kleiner Entbehrungen. Und doch ist sie genau das, was wir suchen: eine unmittelbare Begegnung mit einer wilden, ungezähmten Welt. Vielleicht ist es gerade dieses Wechselspiel, das sie so besonders macht – das Tosen der Iguazú-Wasserfälle, das uns überwältigt, und die fast lautlose Weite des Pantanals, in der jede Begegnung erarbeitet werden muss. Die flirrende Hitze, die stillen Stunden auf dem Wasser, das plötzliche Auftauchen eines Jaguars, das kurze Innehalten der Zeit. Nicht der eine perfekte Moment bleibt. Es sind die vielen kleinen: das lautlose Treiben mit der Strömung, das Funkeln im Blick eines Jaguars und die raue wilde Natur. Und so bleibt diese Reise nicht einfach eine Erinnerung. Ihre Kraft, ihre Schönheit und ihr Atem begleiten uns weit über das Pantanal hinaus.
«Die Natur ist nicht ein Ort, den man besucht, sondern ein Zuhause, das man für kurze Zeit mit allen Sinnen erfährt.» – Unbekannt